Frau Schneeweiß

Im Rewe-Markt um die Ecke arbeitet eine Kassiererin, die genau so heißt wie sie aussieht: Schneeweiß. Ich lese immer die Namensschilder von Servicekräften (darauf stehen beispielsweise Sachen wie „Jacqueline – Auszubildende im ersten Lehrjahr“, „Herr Brunze – ich helfe gerne“ oder einfach nur „Ingo“). Neben dem provokant langsamen Essen eine meiner liebsten Marotten. Manchmal führt dies vor allem bei weiblichen Schildchenträgern zu irritierenden Blicken, denn häufig muss ich mich etwas vor beugen, um die Schrift zu entziffern (diese Schildchen, das wissen wir alle, hängen [fast] immer auf Brusthöhe).

Frau Schneeweiß im Rewe performt den optischen Duktus einer in Würde gealterten 105-jährigen Lady Gaga, die sich nach ein bis acht Botoxunfällen und vier gescheiterten Ehen nun ihrem ultimativen Ruhestand entgegen piept. Nonchalant und unter unendlich großer Widerwilligkeit zieht sie meine Waren über den Scanner als wären es verschwitzte Hemden adipöser Unternehmensberater. Nach dem letzten Piep lässt sie ihre geöffnete Hand genervt schlaff auf das Laufband fallen. Nun ertönt ein nach verrostetem Tretlager klingendes Geräusch: „Achd Euro Sechsunfuffzsch!“. An guten Tagen reibt sie noch ein gequältes „Bidde“ nach. Das Geld habe ich bereits in meiner Hand und gebe ihr schnell den geforderten Betrag. Ich zahle schon seit langem nicht mehr mit der EC-Karte, denn jedes Mal überkam mich das Gefühl, ich würde ihr damit große Schmerzen zufügen.

Die Existenz von Frau Schneeweiß ist ein brutaler Schlag ins Gesicht aller „Der-Kunde-ist-König“-Rufer. Den Rewe-Servicecoach möchte ich gerne sehen, der sich an Frau Schneeweiß seine gebleckten Zähne ausbeißt. Bitte nicht falsch verstehen: Dies ist kein Rant. Die Frau ist mir sympathischer als alle stromlinienförmigen Vertreter-Aale, Milch-Lobbyisten und Werbepfosten zusammen.

So, jetzt muss ich aber los. Einkaufen. Ich brauche zwar nichts, aber vielleicht hat sie ja heute Dienst…


9 Antworten auf „Frau Schneeweiß“


  1. 1 foster 12. August 2010 um 4:38 Uhr

    Gib ihr einen formvollendeten Handkuss von mir. Obwohl, das passt wohl nicht. Dann eben einen großen dicken Schmatz.

  2. 2 3WMK 12. August 2010 um 20:08 Uhr

    Sehr schön geschrieben. Und hundertprozentig zutreffend. Diese Frau ist einmalig und echt gruselig. Ein bischen erinnert sie mich auch an Nina Hagen.

  3. 3 Herr Jensen 13. August 2010 um 9:36 Uhr

    @foster
    Bei dir piepts wohl.

    @3WMK
    Mich erinnert sie eher an die (sehr) späte Zsa Zsa Gabor.

  4. 4 Lea 21. August 2010 um 8:39 Uhr

    Ich find das Schildchen bei Netto (rot-gelb) sehr toll: „Ich bin freundlich“ – ja, nee ist klar….schade, dass sich Schakkeline das Schildchen nich mal zu Herzen nimmt! ;)

  5. 5 Der Peer 24. August 2010 um 9:47 Uhr

    „…adipöser Unternehmensberater…“

    Es lässt einen nie los… :D

    Viele Grüße
    Horst

  6. 6 Herr Jensen 27. August 2010 um 20:16 Uhr

    @DerPeer

    Wie auch bei deinem Kommentarpseudonym??? ;)

  7. 7 wilma sosagen 09. November 2010 um 23:22 Uhr

    frau schneeweiß is der kracher, um nich zu sagen kult.
    ich finde, sie hat es längst verdient, mit ihrem foto an der wand unter der rubik „mitarbeiterin des monats“ verewigt zu werden.
    die qual ihres arbeitlebens gibt sie halt gern weiter…
    warum auch nicht? warum ärger mit nach hause nehmen, wenn am ende ein kunde steht, den sie mit sicherheit nicht so oft sehen wird wie ihre bessere hälfte

  8. 8 Niensche 10. November 2010 um 9:45 Uhr

    Zu mir ist Frau Schneeweiß immer sehr freundlich. Gruslig ja, aber freundlich.

  9. 9 kunde 22. Juli 2011 um 13:58 Uhr

    Frau Schneeweiß ist der Brüller. Ich will mal mit der guten Frau einen trinken gehen, nur kam ich bisher noch nicht dazu Sie einzuladen. Eine bekannte Arbeitete im besagten Rewe-Markt, kam aber leider auch nicht dazu Frau Schneeweiß einzuladen.

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