Im Dorf II

Absolute Stille. Hiebi stand rauchend vor seiner Garage und erwartete mich bereits. Trifft man sich im Dorf mit alten Freunden, dann tut man dies nicht etwa in deren Wohnung (die Freundin will schließlich ihre Ruhe) oder in einer Kneipe (gibt es schlicht nicht), sondern in einer Garage. Bevor wir uns jedoch an den Hasseröder-Bierkastentisch setzten, durfte ich die aufgebockte sechshunderter Gilera starten und mehrmals ordentlich am Gasgriff drehen. Als ich nach kurzer Zeit anfing zu husten schrie ich ihn an und fragte, wie man das Ding wieder ausmacht. Lässig griff Hiebi mir über die Schulter und drehte den kleinen Zündschlüssel mit einem Ruck ins Off. Das Knattern war jetzt weg, allerdings musste ich immer noch husten und ging für fünf Minuten nach draußen. Hiebi amüsierte sich köstlich während er in der Garage wartete.

Nachdem ich mich wieder zu ihm gesellte versprach er mir, dass ich, sobald die Elektrik wieder stimmt, ruhig ein Ründchen damit drehen kann. Ich setzte mich zu ihm und fingerte zwei Becks aus der Sechserpackung. Mein Versuch, die eine Flasche mit Hilfe der anderen zu öffnen, schlug grandios fehl. Die Scherben ließen wir liegen. Hiebi reichte mir grinsend seinen Schlüsselbund, an dem ein mittelgroßer Flaschenöffner hing. Er streichelte kurz meinen Hinterkopf, dann stießen wir an.

In den folgenden drei Stunden hörte ich wundersame Geschichten über Hochzeiten, auf denen in Micky-Maus-Kostümen getanzt wird, ich hörte eine Geschichte von einem Porschefahrer, der sich keinen Ölwechsel leisten kann, außerdem von einem Porschebeifahrer, der sich seine Finger in Porschebeifahrertüren einklemmt, es gab etwas über ein koprophiles Haschisch-Desaster auf Jamaika zu hören und ich bekam einen seltenen Einblick in die Organisationsstruktur eines Karnevalvereins. Zwischendurch urinierte ich in totaler Dunkelheit vor die Garage. Zwei bis vier tradierte Weltbilder später machte ich mich auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen schenkte mir Hiebi zwei gebrauchte Federbeine. Er ist halt einer von den Guten.