Archiv für April 2010

Im Dorf II

Absolute Stille. Hiebi stand rauchend vor seiner Garage und erwartete mich bereits. Trifft man sich im Dorf mit alten Freunden, dann tut man dies nicht etwa in deren Wohnung (die Freundin will schließlich ihre Ruhe) oder in einer Kneipe (gibt es schlicht nicht), sondern in einer Garage. Bevor wir uns jedoch an den Hasseröder-Bierkastentisch setzten, durfte ich die aufgebockte sechshunderter Gilera starten und mehrmals ordentlich am Gasgriff drehen. Als ich nach kurzer Zeit anfing zu husten schrie ich ihn an und fragte, wie man das Ding wieder ausmacht. Lässig griff Hiebi mir über die Schulter und drehte den kleinen Zündschlüssel mit einem Ruck ins Off. Das Knattern war jetzt weg, allerdings musste ich immer noch husten und ging für fünf Minuten nach draußen. Hiebi amüsierte sich köstlich während er in der Garage wartete.

Nachdem ich mich wieder zu ihm gesellte versprach er mir, dass ich, sobald die Elektrik wieder stimmt, ruhig ein Ründchen damit drehen kann. Ich setzte mich zu ihm und fingerte zwei Becks aus der Sechserpackung. Mein Versuch, die eine Flasche mit Hilfe der anderen zu öffnen, schlug grandios fehl. Die Scherben ließen wir liegen. Hiebi reichte mir grinsend seinen Schlüsselbund, an dem ein mittelgroßer Flaschenöffner hing. Er streichelte kurz meinen Hinterkopf, dann stießen wir an.

In den folgenden drei Stunden hörte ich wundersame Geschichten über Hochzeiten, auf denen in Micky-Maus-Kostümen getanzt wird, ich hörte eine Geschichte von einem Porschefahrer, der sich keinen Ölwechsel leisten kann, außerdem von einem Porschebeifahrer, der sich seine Finger in Porschebeifahrertüren einklemmt, es gab etwas über ein koprophiles Haschisch-Desaster auf Jamaika zu hören und ich bekam einen seltenen Einblick in die Organisationsstruktur eines Karnevalvereins. Zwischendurch urinierte ich in totaler Dunkelheit vor die Garage. Zwei bis vier tradierte Weltbilder später machte ich mich auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen schenkte mir Hiebi zwei gebrauchte Federbeine. Er ist halt einer von den Guten.

Four Tet – „Sing“ (Live)


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Im Dorf I

Ich fuhr am Ortseingangsschild vorbei in mein totgepflastertes Dorf. Rechts der Bahnhof mit den zugemauerten Fenstern und anschließend die alte Müllkippe, auf der wir früher immer Kühlschränke und halbvolle Benzinkanister einen 30-Meter-Abhang runter krachen ließen. Blitzblanke Häuser, der zur Hälfte versumpfte Sportplatz, die alten Rohrwerke, die Blocks, die Schule. Pünktlich 18.00 Uhr rollte ich auf den Parkplatz des zentral gelegenen Niedrig-Preis-Marktes und stellte den Motor ab. Ich wollte noch ein Getränk für mein abendliches Treffen mit Hiebi kaufen und betrat den Markt unter seltsam nostalgischen Gefühlen. An der Supermarktkasse hatte sich eine kleine Schlange gebildet und ich legte mein Sechserpack Becks Chilled Orange und eine 10er-Packung Kinder Pingui auf das Laufband. Plötzlich drehte sich eine vor mir in der Schlange stehende klobige Gestalt langsam um und grinste mich mit einer seltsamen Mischung aus Irrsinn und Bräsigkeit an:

Es war Schrödi.

Schrödi war im Kindergarten mein bester Freund. Wir spielten damals den ganzen Tag mit Spielzeugautos und waren große Fans der Serie „Auf Achse“. Ich grinste zurück und er gab mir seine fleischige Hand. Seine beträchtliche Körperfülle und sein kurzer unansehnlicher Goatie irritierten mich nur kurz. Wir plauderten ein wenig belanglosen Unsinn bevor er seine Flasche Jack Daniels bezahlen musste. Ein verhuschtes Mädchen in schwarzer Bomberjacke zählte aus einem Geldbündel 15 Euro ab und gab sie ihm. Anschließend bezahlte ich mein Zeug und lief ihnen hinterher.

Draußen sah ich, wie er und das Mädchen in einen VW-Bus der Feuerwehr stiegen. Dann rollte er langsam vom Parkplatz, machte Blaulicht an und gab Gas.

Es hatte mich aufrichtig gefreut ihn zu sehen.