Beige in Bad Elster

Alte Menschen besitzen häufig die unwiderstehliche Aura einer Schrankwand. Unverrückbar stehen sie an ihrem festen Platz und wurden lange nicht mehr ausgemistet. Neue Dinge finden selten in ihnen Platz. Und meistens umweht sie ein Hauch von beschissenem Farbton.

Letztens weilten wir im Kurheilbad Bad Elster, dem scheinbaren Mekka der beige bejackten Ü70-Generation unweit der tschechischen Grenze oder so. Ich lüge nicht wenn ich sage, dass 90 Prozent der an uns vorbei flanierenden Passanten mindestens ein beiges Kleidungsstück trugen. Wie Pappfiguren aus Schießhallen wurden sie an unsichtbaren Seilen hängend an uns vorbei gezogen, ganz langsam. Wir versuchten, den unterschiedlichen Beigetönen Namen zu geben: hell beige, dunkel beige, grau beige, blau beige, ocker beige. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, im örtlichen Kleidungsfachgeschäft („Moden“) ein beiges Kleidungsstück zu kaufen, nur um die Stylegötter in der heimischen Indiedisco zu provozieren. Sehr schnell verwarf ich den Gedanken aber wieder. Wir liefen weiter. Ich musste an Ken Park denken. Genauer gesagt an Tate, der am Ende des Films scheinbar grundlos seine Großeltern ersticht, um sich danach das Gebiss seines Großvaters in den Mund zu stecken. Ich schweifte gedanklich etwas ab, kurz darauf drückte sie meine Hand ein wenig fester und ich war wieder mitten in der Traumstadt einer 88 Jährigen Edelmatrone, die gerne rosa Plastepudel sammelt.

Jemand hatte uns direkt mitten in eine kitschige Postkarte materialisiert, in eine Welt, die einen Hauch von post-sozialistischem Chic mit einer Art Open Air-Altersheim kombinierte. Wir liefen vorbei an Springbrunnen, Sitzbänken und Blumenbeeten zu einem Gebäude, dass unser wissender Begleiter fälschlicherweise der Art Déco Epoche zuordnete. Er bemerkte seinen Fehler allerdings sehr schnell und wir betraten das Gebäude durch den Haupteingang. Ich lief zu einem Tresen, an dem eine ältere Dame frisch gespülte Gläser verteilte und fragte dezent nach Soylent Green. Sie schaute mich lange fragend an. Dann reichte sie mir ein leeres Glas während ich von einem 105 Jährigen auf Krücken weg gedrängelt wurde.

Über eine breite Treppe gelangten wir in ein helles rundes Kellergewölbe. In der Mitte des Raumes stand ein Brunnen, aus dem mehrere dünne Messingrohre ragten. Aus jedem dieser Rohre plätscherte etwas Wasser. Ich probierte von dem Wasser. Es schmeckte stark nach Eisen, so als hätte man an einem Containerschiff geleckt. Ich goss den Rest zurück in den Brunnen. Ich probierte ein anderes Rohr. Dieses Wasser schmeckte weniger nach Eisen, dafür umso mehr nach Salz. Ich spuckte aus und setzte mich anschließend neben eine 98-Jährige auf eine gepolsterte Sitzbank.

Ich hatte Durst, aber dieses Wasser war ungenießbar. Der Raum war erfüllt von einer angenehm meditativen Stimmung. Alle saßen schweigend auf den gepolsterten Sitzbänken und nippten ab und zu an ihren gefüllten Gläsern. Hier und da stand jemand auf, lief in die Mitte des Raumes, ließ sich etwas Wasser in sein Glas und setzte sich wieder auf seinen Platz. Eine angenehme Ruhe erfüllte mich.

Ich blickte rüber zu meiner reizenden Begleiterin die immer noch auf der Treppe stand. Ihre grazile Hand öffnete und schloss sich wieder. Wir verließen das Gebäude und traten in die gleißende Sonne. Bedächtig und viel langsamer als auf dem Herweg liefen wir zurück zu unserer Herberge, dem Hotel Goldener Anker. Ich sah die beigen Jacken, die Wolken, ich hörte den Wind und das Murmeln, das Zwitschern und die Gespräche über Architekturepochen.

Aber eigentlich dachte ich die ganze Zeit nur darüber nach, wann es wohl wieder eine günstige Gelegenheit geben würde um sie zu vögeln.


6 Antworten auf „Beige in Bad Elster“


  1. 1 Peer Aufreger 02. Juli 2009 um 10:44 Uhr

    Wunderbar! Ich kann nicht behaupten, dass ich direkt zum Hörer gegriffen und die Touristinformation in Bad Elster gewählt hätte, aber aus gegebenem Anlass lösen diese beigen Bilder panikgleiche Emotionen in mir aus. Da kam mir das überraschende Ende grade recht. Obwohl ich nicht ganz verstanden habe, warum nach diesen grausamen Erfahrungen du die Rentner auch noch vögeln wolltest…

  2. 2 Herr Jensen 02. Juli 2009 um 12:11 Uhr

    Obwohl ich nicht ganz verstanden habe, warum nach diesen grausamen Erfahrungen du die Rentner auch noch vögeln wolltest…

    Na hör mal, die Rentner können doch nix für das versalzene Wasser.

  3. 3 Perle 02. Juli 2009 um 22:22 Uhr

    ….wie jetzt? ich hatte das so interpretiert, Herr Jensen wolle seine Begleiterin v…ernaschen und nicht die Rentner…

    Der Schlußsatz rundet die Geschichte doch erstaunlich genial ab… zuvor war ich kurz davor eine kleine Abhandlung über Farbpsychologie hier einzubringen…aber mit dem Lesen des letzten Satzes ahnte ich, dass es dem werten Herr Jensen vermutlich sowas von schei…nbar egal ist, WARUM Menschen im Alter die Pastelltöne bevorzugen (da gibt es nämlich tatsächlich psych. Abhandlungen dazu)… und er eine Geschichte braucht um den reizenden letzten Satz wirkungsvoll in Szene zu setzen.(Lieber Herr Jensen -das war frei von Ironie und eher als Kompliment zu verstehen)

  4. 4 Herr Jensen 03. Juli 2009 um 10:52 Uhr

    @Perle

    Dann lass uns doch bitte bitte, anstatt bedeutungsvoll herumzuhubern, einfach an deinem Wissen teilhaben und erklär uns, warum die Alten sich gerne beige dressen. Das würde mich, anders als von dir vermutet, wirklich interessieren.

  5. 5 Perle 03. Juli 2009 um 11:08 Uhr

    …“bedeutungsvoll herumzuhubern“ ?… da wollt ich die interessierte Allgemeinheit mal nicht mit Ausführungen zu schwallen und dann das!

    ;)

    @Herr Jensen:
    ansonsten gern, zunächst aber recherchiere ich nochmal in meinen Quellen und melde mich dann… gleicher Ort, gleiche Stelle.

  6. 6 foster 03. Juli 2009 um 20:06 Uhr

    @Perle

    da gibt es nämlich tatsächlich psych. Abhandlungen dazu

    Im Ernst? Modeerscheinung ist als Erklärung zu trivial? Sicher, dass du nicht nur Artikel wie diesen meinst? (gefunden im Archiv des Hausherrn)

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