Archiv für Juni 2009

Beige in Bad Elster

Alte Menschen besitzen häufig die unwiderstehliche Aura einer Schrankwand. Unverrückbar stehen sie an ihrem festen Platz und wurden lange nicht mehr ausgemistet. Neue Dinge finden selten in ihnen Platz. Und meistens umweht sie ein Hauch von beschissenem Farbton.

Letztens weilten wir im Kurheilbad Bad Elster, dem scheinbaren Mekka der beige bejackten Ü70-Generation unweit der tschechischen Grenze oder so. Ich lüge nicht wenn ich sage, dass 90 Prozent der an uns vorbei flanierenden Passanten mindestens ein beiges Kleidungsstück trugen. Wie Pappfiguren aus Schießhallen wurden sie an unsichtbaren Seilen hängend an uns vorbei gezogen, ganz langsam. Wir versuchten, den unterschiedlichen Beigetönen Namen zu geben: hell beige, dunkel beige, grau beige, blau beige, ocker beige. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, im örtlichen Kleidungsfachgeschäft („Moden“) ein beiges Kleidungsstück zu kaufen, nur um die Stylegötter in der heimischen Indiedisco zu provozieren. Sehr schnell verwarf ich den Gedanken aber wieder. Wir liefen weiter. Ich musste an Ken Park denken. Genauer gesagt an Tate, der am Ende des Films scheinbar grundlos seine Großeltern ersticht, um sich danach das Gebiss seines Großvaters in den Mund zu stecken. Ich schweifte gedanklich etwas ab, kurz darauf drückte sie meine Hand ein wenig fester und ich war wieder mitten in der Traumstadt einer 88 Jährigen Edelmatrone, die gerne rosa Plastepudel sammelt.

Jemand hatte uns direkt mitten in eine kitschige Postkarte materialisiert, in eine Welt, die einen Hauch von post-sozialistischem Chic mit einer Art Open Air-Altersheim kombinierte. Wir liefen vorbei an Springbrunnen, Sitzbänken und Blumenbeeten zu einem Gebäude, dass unser wissender Begleiter fälschlicherweise der Art Déco Epoche zuordnete. Er bemerkte seinen Fehler allerdings sehr schnell und wir betraten das Gebäude durch den Haupteingang. Ich lief zu einem Tresen, an dem eine ältere Dame frisch gespülte Gläser verteilte und fragte dezent nach Soylent Green. Sie schaute mich lange fragend an. Dann reichte sie mir ein leeres Glas während ich von einem 105 Jährigen auf Krücken weg gedrängelt wurde.

Über eine breite Treppe gelangten wir in ein helles rundes Kellergewölbe. In der Mitte des Raumes stand ein Brunnen, aus dem mehrere dünne Messingrohre ragten. Aus jedem dieser Rohre plätscherte etwas Wasser. Ich probierte von dem Wasser. Es schmeckte stark nach Eisen, so als hätte man an einem Containerschiff geleckt. Ich goss den Rest zurück in den Brunnen. Ich probierte ein anderes Rohr. Dieses Wasser schmeckte weniger nach Eisen, dafür umso mehr nach Salz. Ich spuckte aus und setzte mich anschließend neben eine 98-Jährige auf eine gepolsterte Sitzbank.

Ich hatte Durst, aber dieses Wasser war ungenießbar. Der Raum war erfüllt von einer angenehm meditativen Stimmung. Alle saßen schweigend auf den gepolsterten Sitzbänken und nippten ab und zu an ihren gefüllten Gläsern. Hier und da stand jemand auf, lief in die Mitte des Raumes, ließ sich etwas Wasser in sein Glas und setzte sich wieder auf seinen Platz. Eine angenehme Ruhe erfüllte mich.

Ich blickte rüber zu meiner reizenden Begleiterin die immer noch auf der Treppe stand. Ihre grazile Hand öffnete und schloss sich wieder. Wir verließen das Gebäude und traten in die gleißende Sonne. Bedächtig und viel langsamer als auf dem Herweg liefen wir zurück zu unserer Herberge, dem Hotel Goldener Anker. Ich sah die beigen Jacken, die Wolken, ich hörte den Wind und das Murmeln, das Zwitschern und die Gespräche über Architekturepochen.

Aber eigentlich dachte ich die ganze Zeit nur darüber nach, wann es wohl wieder eine günstige Gelegenheit geben würde um sie zu vögeln.

Sie ziehen uns in den Mangel

Endlich weiß ich, was ich bin. Ich bin ein Krisenkind. Krisenkinder sind verdammt arm dran. Mal wieder im Supermarkt gewesen? Gibt nur noch Kartoffeln, Wasser und Milch. Aber auch das wird bald alle sein. Die Krise ist allgegenwärtig und wir werden von ihr zermalmt. Bald. Ehrlich!

„And what is this?“
„Cheese.“

WOlken WOlken

WOlken WOlken from Herr Jensen on Vimeo.

Der Spalt

dort hinten links
habe ich mal
für eine milliardstel sekunde
gewohnt.

und immer wenn wir uns treffen
befreist du mich aus dem käfig
und ich darf mich
vergessen.

Gewebe, Kontinuum, Zusammenhang

tief versunken wurde mir klar
das sie recht hatten.