Archiv für November 2008

Auf ein Wort, Herr Professor!

Ich denke gerne und häufig an meine Zeit an der Universität zurück. Die mit Abstand skurilste akademische Lehrkraft war unser Mathematikprofessor Stephan Luckhaus im dritten und vierten Semester. Ich erinnere mich noch genau an seine erste Vorlesung. Es war früh um 7 Uhr, wir hatten die ganze Nacht gezecht und hingen völlig verstrahlt über den Holzpulten in einem muffigen Seminarraum. Professor Luckhaus betrat pünktlich den Raum, lief nach vorne, nahm ein Stück Kreide und schrieb diverse Formeln an die Tafel, die er im Folgenden 1,5 Stunden lang ausführlich erläuterte. Er zog weder seinen grünen Parka aus, noch stellte er sich vor oder gab gar einen Themenausblick. Seinen Namen erfuhr ich erst später durch Zufall im Internet. Kann auch sein, dass er sich erst in der zweiten oder dritten Vorlesung vorgestellt hat, aber die habe ich dann nicht mehr besucht.

Neulich tummelte ich mich aus Eigeninteresse seit langem mal wieder auf seiner überaus schmucken Homepage. Ich habe mir die von ihm betreuten Diplom- und Promotionsthemen näher angesehen. Insgesamt ist nichts dabei, was mir den Schlüpfer feucht werden lässt, aber einiges möchte ich hier trotzdem kurz kommentieren:


Bearbeitete Diplomthemen:

*Die Linearisierung des Stefan-Problems

Dringend notwendig. Ich meine, einer muss mal damit anfangen. Wie lange schlagen wir uns nun schon mit Stefan & Co. herum, ohne auch nur in die Nähe einer Lösungs-Invarianz im Hilbertraum zu gelangen, mit deren Hilfe wir 1-2-nicht-kohärente Systemstringenzen hätten asymptotisieren können? Genau, ganze 125 Jahre.

*Eine degenerierte parabolische Gleichung zur Modellierung der hydraulischen Wasserscheide

Ich sage: hydraulische Wasserscheiden sind fast immer degeneriert. Parabolisch hin oder her: wer bürgt mir dafür, dass uns hierbei nicht poröse 0-DIM-Drachenwurzeln über den Weg springen, die eine Lösung dieser 0-Signifikanz der Eulenzahlen multipliziert mit 10 hoch 21 Potenzbarometern verhindern? Niemand.

*unbeschränktes Wachstum für Hutchinson’s Gleichung

Von mir aus soll sie wachsen. Habe ich überhaupt nichts dagegen. Sie wächst nämlich gegen NULL. Meine Prognose.

*Ein Algorithmus zur Berechnung des Mumford Shah Funktionals

Der indische Numeriker Mumford Shah transformierte seinen Geist in eine Formel, die ALLES erklären sollte. Leider fehlt der Algorithmus. Ich glaube nicht, dass wir ihn in den nächsten 500 Jahren finden werden.

*Quadratische Kantenfilter

Auch bekannt als die sieben achteckigen Wurzelidiome. Kommt aufs Gleiche raus. Sisyphus-Arbeit für Wurzelficker und symplektische GeometriefrEaXxx.

*Ein Vergleich von Fletcher-Reeves- und Newton-Verfahren beim Damm Problem

Mein Damm ist hart. Beckenbodentraining sei Dank.

*Wasseraufnahme durch Wurzeln

Das Biothema. Zweimal wöchentlich „Blumen gießen“ beim Professor. Er mag kurze luftige Kleidchen und Stöckelschuhe.

*Konvergenz eines nichtisothermen Ising-Modells mit Kac-Potentialen

Die Kac-Potentiale beschäftigen mich nun schon seit der dritten Klasse und mittlerweile habe ich sie recht lieb gewonnen. Auch wenn noch nicht alle Fragen der intertemporalen Interdependenz im Zusammenhang mit hochfunktionalen Q-/gF-XX-00-Superstring-Alley-Räumen quer über 5 Ho-Dimensionen geklärt sind, kann eine Korrelation nicht-nicht-iso-nicht-isothermen Referenzmaterials völlig ausgeschlossen werden.

*Kristallisierung in Polymeren

Die süßen Polymere. Sehen so niedlich aus, aber sobald n-summierende Inhärenz-Konvektionen suspuliert ursupieren, projiziert sich alles auf nur drei hochenergetische Bosonen-Subsummierungen. Ende im Gelände.

*Die Modellierung der Produktionsplanung bei der FLORENA GmbH als Job-Shop-Problem und dessen Optimierung

Das Mädchenthema. Kosmetik. Bitte gehen Sie weiter.

*Disposition von Zügen im Falle von störungsbedingten Fahrplanabweichungen

Das Thema für den reichen Sohn. Was mit Eisenbahnen. Müssen wir hier glaube nicht näher drauf eingehen.



Bearbeitete Promotionsthemen:

*Das Dirichlet-Problem für skalare Erhaltungsgleichungen, Existenz rotierender Tropfen

Hier hat sich Prof. Luckhaus bei der letzten internationalen Mathematikkonferenz etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt. Er postulierte während der Tagung, dass tropfeninduzierte supraleitende Quantenchromografen versiert hinter allen Dirichlet-Problemen zurück stecken müssen. Heute weiß jeder Fünftklässler, das Hugo Dirichlet (so der volle Name des französischen Mathematikers) während der Ausarbeitung seiner Formeln unter Opium-Einfluss stand. Wie nah wollen wir der Wahrheit kommen?

*Anisotroper Mittlerer Krümmungsfluss

Manche Frauen kennen das Problem. Hierbei würde mich speziell interessieren, inwieweit Krümmungsoperatoren in Pseudo-Riemannschen Mannigfaltigkeiten mit äquivarianten Morse-Kohomologien korrespondieren.

*Nichtlineare Filter in der Bildrekonstruktion

Die Bearbeitung des Themas qualifiziert zur höheren Beamtenlaufbahn beim BKA. Wo ist meine Schäublone?

*Interflow in dünnen Bodenschichten

Nicht meine Baustelle.

*Das gekoppelte System Cahn-Allen und Navier-Stokes-Gleichung

Ich sollte mal wieder die Strokes hören.

*Ein Zwei-Porositäten-Modell für die Wasseraufnahme durch Pflanzen

Das Ein-Porositäten-Modell ist ja nun wirklich uralt und abgewetzt wie die Schenkelinnenseiten von Madame Roche aus Amsterdam. Und wir wissen nur zu gut, das probalistische Markovketten in nicht-stochastischen metrischen Räumen zu endlichen Indikatorfunktionen abgeleitet werden können. Die Holonomie affiner Zusammenhänge wäre also in diesem Fall obsolet.

Wenn es Abend wird

Tschö´ Jungs!

Er betätigte die Toilettenspülung und trat rüber zum Waschbecken: er drehte das Wasser auf und wusch sich sorgfältig die Hände. Nach dem Abtrocknen schaltete er das Badlicht aus, ging durch den Flur und stelle sich vor seinen Kühlschrank. Sein Blick wanderte nach links zum Regal: viele Produkte, bunte Produkte, Produkte bedruckt mit Namen. Kelloggs, Jacobs, Knorr, Nescafé, Bertolli, Teekanne. Diese Dinge kannte er aus seiner Kindheit und Jugend vor dem Fernseher. Ihm kam der Gedanke, dass sich die Werbung eventuell gar nicht so sehr an die Erwachsenen richtet, sondern an die Kinder. Sie sind noch aufnahmefähig, sie merken sich Dinge sehr schnell und lieben die scheiß Wiederholung. Immer wieder muss das Märchen rein, genau wie Fernsehwerbung für irgendwelchen industriellen Drecksfraß. Die Kinder werden größer, kommen in die Pubertät, durchlaufen die Untiefen der Adoleszens und kommen schließlich im Erwachsenenleben an. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und er kauft das, was er kennt. Was er hunderttausend mal in der Glotze gesehen hat. Er muss es einfach haben.

Unser Er öffnete nun den Kühlschrank und nahm sich einen Monte Schoko-Vanille-Pudding aus selbigem. Huh war das kalt. Und schmeckte so gut. Nach Sahne. Er liebte Sahne. Er überlegte, ob er schon auf Toilette war. Ja, war er. Also rüber zum Computer. Er schaute sich ein Video an, in dem eine kleine süße Katze (ein so genanntes Kätzchen) auf einem sich selbst steuernden Roboter hin und her fuhr. Putzig putzig.

Er stand auf und holte sich noch ein zweites Monte. Es schmeckte genau so gut wie das Erste.

Danach sann er über Warzen nach. Er hatte vor zwei Stunden in der Online-Enzyklopädie darüber gelesen. Der Name dieser viral verursachten Wucherung klingt genau so unglaublich fies wie er sich schreibt: W A R Z E. Warze auf Englisch? Nodule oder wart. Oder Stud (das soll wohl die „Führungswarze“ eines Geschosses gewesen sein). Ach so und äh naja…das herrliche Wort Nipple gibt es ja auch noch dafür. Nipple Nippel.

So, was nun. Nebenan klopfte jemand einmal leise an die Wand. Oder war es ein Kopf? Er stellte das Tippen ein und es war nun ganz still: nur der Computerlüfter schnappte surrend nach Luft. Er hörte sonst nichts mehr. Er kratzte sich am Hals und überlegte…nichts. Immer noch nichts. Jetzt auch nicht. Nichts. Nein. Plötzlich dachte er an Nahrung und ob er sich noch die ein oder andere Leckerei in seine geräumige Fressluke schieben sollte. Er bekam Durst, ging rüber zu seinem Esstisch und goss sich ein halbes Glas ALbi Frühstücksdrink ein (nach dieser Aktion kann es nur halb voll sein, nicht halb leer). Er betrachtete langsam und ein wenig müde seinen großen Schreibtisch: Geldbörse, Schlüsselbund, Stifte, Brunchgutschein, leere Montebecher, CDs, Fotos, Zettel, Flyer, Briefe, Kalender, Drucker, Lampe, Schere, eine kleine Schere, Sticker, Mauspad, Lineal, Taschentücher, ein Löffel, eine Pappkiste, ein kleines Fotostativ, Autoradiobedienteil, Panzertape, Sonnenbrille, Bodi Bill Promo-CD, Pflanzen, ein vergilbter DVD-Rohling, Praxisgebührenquittung, Englisch-Wörterbuch, USB-Stick, Hasenmaske, Taschenrechner, Proberaumschlüssel, Handy, Staub.

Er hatte an diesem Tag eingekauft, er hatte seine Miete überwiesen und er hatte gevögelt. Seine Seele war absolut rein. Er schrieb einen Kommentar und verzog sich in sein Bett. Er schlief tief. Sehr tief. Und er träumte nichts. Er hatte sich diesen Schlaf ehrlich verdient.

Der Sheriff von Schleenhain

Er kam über den Hügel gebrettert
wie bei einer drittklassigen Ralley
und hat sich bestimmt geärgert,
weil er kein Blaulicht
auf seinem Jeep hatte.

Wir standen an einer 20 Meter Abbruchkante,
Kohlewind blies uns ins Gesicht und
das Baggermonster vor uns
bröckelte friedlich Abraum
zu einem hübschen Haufen auf.

Ich dachte: so sieht’s in 200 Jahren
auf dem Mars aus.

Bröckel bröckel bröckel bröckel…

Und dann:

Fuchtel fuchtel fuchtel fuchtel…

Der Sheriff stieg aus
und er trug wegen den Wolken
keine Sonnenbrille.
Aber ein buntes Basecap hatte er auf
und mit seinem Walkie Talkie
fuchtelte er uns vorm Gesicht rum.

Ob wir lesen können?
Klar können wir lesen.
Und noch mal: können wir lesen?
Ich hätte fast gesagt:
Ach nee, doch nicht.
Ja.
Und was steht da?
Da steht: vERboTeN VerBOtEn vErBoTeN!

Wir stiegen aus dem Tagebau
und der Sheriff suchte noch die Stelle ab,
an der wir gerade standen.

Grimmig blickte er uns nach,
stieg in seinen Jeep
und fuhr weg.

Anne Will, Hans‘ Eichel, …

…und andere Diskutanten kofferten sich letzten Sonntag im Fernseher gegenseitig die Rübe voll. Als ob das irgendwas ändern würde. Dr. Oetker war auch da. Ihm rieselte feines weißes Pulver aus den Ohren. Ich tippe auf Backpulver. Weiterhin waren anwesend: eine schnepfige Wuchtbrumme aus der FDP-Fraktion des Europaparlaments und ein Mann der sehr gut sprechen konnte.

Nur: was will Anne Will mit Hans‘ Eichel?