Archiv für Dezember 2007

Das StudiVZ-Weihnachtspräsent

Es ist schon erstaunlich, wie das Prinzip des Schnüffelheftes doch noch seinen Weg ins moderne Computerzeitalter gefunden hat. Kurz zur Erklärung: ein Schnüffelheft war nicht wie der Name vielleicht vermuten lässt eine Art Klebstoffprobenkatalog für potenzielle Leimjunkies … äh … ich meine: Leimabhängige, sondern ein kleines Büchlein, in das alle Freunde persönliche Eckdaten einzutragen hatten, also von der Körpergröße über das Lieblingsessen bis hin zu infantilen, halb-philosophischen Ausdünstungen wie beispielsweise Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter!. Sozusagen eine auf größeren Informationsgehalt zielende Weiterentwicklung des guten alten Poesiealbums.

Dieses Schnüffelheft hat sich virtualisiert, nennt sich heutzutage StudiVZ (alternativ: SchülerVZ, PennerVZ und wahrscheinlich bald RentnerVZ) und ist eine der mit Abstand beliebtesten deutschen Internetapplikationen. Die Meinungen bezüglich StudiVZ gehen weit auseinander. Ich kenne Menschen, die sind jeden Tag 10 Stunden drin. Freund und Kiezmogul Rob bezeichnete die Seite hingegen vor einiger Zeit als Dreck. Mein Bruder meinte sogar, man könne genauso gut der Waschmaschine beim Schleudern zusehen, das wäre ähnlich interessant.

Warum man nicht unbedingt im StudiVZ sein muss, hat Onkel Guido hier bereits in seiner unnachahmlich freundlichen Art erwähnt. Und auch andere Quellen weisen explizit auf die Gefahren sozialer Netzwerke im Internet hin. Nur: Daten werden an jeder Ecke gesammelt (Stichwort: Vorratsdatenspeicherung) und bald wird wahrscheinlich der morgendliche Schiss von der Krankenkasse mitgeloggt, um einer aufkeimenden Verstopfung rechtzeitig entgegen treten zu können.

Was mich am StudiVZ stört ist nicht die Angst vor dem Missbrauch persönlicher Daten, sondern die fast schon obszöne Bedienung zutiefst menschlicher Macken und Bedürfnisse:

1. Herdentrieb (Gruppen)
2. Sammelmacke (Freundesliste)
3. Allgemeiner Drang zur (mitunter sehr eitlen) Selbstdarstellung
4. Neugier

Es lässt sich recht leicht und unkreativ ein virtuelles Ego-Abbild zimmern, das stellvertretend für den realen Menschen 24 Stunden am Tag schreit: hallo, ich bin hier! Seht ihr mich? Ist das jetzt eine Form von Geltungssucht, eine diffuse Angst vor der Einsamkeit oder einfach das klamme Gefühl, man würde was Entscheidendes verpassen, wenn man nicht dabei ist?

Punkt 4 meiner kleinen Liste ließ es auch mich vor einiger Zeit versuchen. Ich meldete mich an. Aber schon die banalen Fragen nach Interessen, politischer Richtung, Lieblingsbuch usw. ließen mich peinlich berührt zurück schrecken. Hatten wir so was nicht schon mit zwölf gemacht (siehe ganz oben)? Nach einiger Zeit löschte ich das Profil wieder, ich konnte mit der Seite einfach nichts anfangen.

Um einige reale Freunde zu erheitern, legte ich anschließend ein neues Profil an. Aber selbst dieses langweilte mich schnell und deshalb gebe ich es hiermit endgültig auf und verschenke den Account (auch aus aktuellem Anlass) an … euch.

Login: h.hodenfuchs@googlemail.com
Passwort: bananenboot

Betrachtet sie als Web 2.0-Tamagotchi, hegt sie, pflegt sie, und wenn ihr wollt … fickt sie. Ihr seid Deutschland, ihr seid Papst, ihr seid Henriette Hodenfuchs!

Und ich bin draußen.

New York, New York

Letzte Nacht gesehen: toll choreografiertes Single-Shot Video der Kaiser Chiefs.

Anmerkungen zum 7. Dezember

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Weihnachtsmarkt

Das Ungebilde, dass zurzeit in der Leipziger Innenstadt wuchert, nennt sich Weihnachtsmarkt. Einmal im Jahr wird aus mir unbekanntem Grund die angekohlt fetttriefende Bratwurst im Brötchen zur Delikatesse erhoben sowie Unmengen warmer Weinbrühe hemmungslos versoffen. Das Trinken von Alkohol mittags um 11 Uhr unter freiem Himmel ist plötzlich kein Akt von asozialem Verhalten, sondern ein durch alle Gesellschaftsschichten anerkannter genussvoll-kultureller Vorgang. Einstein hatte einfach Recht: die Welt ist relativ.

Auf meinem Weg von A nach B musste ich eben erwähnten Weihnachtsmarkt durchqueren (es ließ sich leider nicht vermeiden) und ich weiß nicht warum, aber ich musste ständig daran denken.

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Der REWE-Junkie

Einkaufen im Supermarkt ist gesundheitlich riskant. Das liegt bei weitem nicht nur an den dort feil gebotenen gefährlichen „Lebensmitteln“. Auch das triste Dasein in der Kassenwarteschlange kann plötzlich zu unangenehmen Erlebnissen führen. So stand heute eine Art von Hippie-Junkie mit Dreadlocks, Pluderhose und Batikshirt hinter mir. Feinster Menschenmüll auf einem weit fortgeschrittenen Cold Turkey: zitternd, manisch-düsterer Blick, ungeduldig, völlig fertig.

Alles, was er auf das Kassenband legte, war ein Bon aus dem Pfandflaschenautomaten. Wahrscheinlich waren das die 30 Cent, die ihm zum nächsten Schuss fehlten. Hinter dem Junkie fing nun ein alter Mann an, seine Ware auf das Band zu legen. Er sah den Pfandbon des Junkies, nahm ihn, zerknüllte ihn und warf ihn weg. Wahrscheinlich dachte er, es wäre Müll. Das gefiel dem Junkie natürlich gar nicht und er fing an, den alten Mann zu beschimpfen. Dabei gehörte „Arschgesicht“ noch zu den harmloseren Ausdrücken, welche der Junkie über dem Opa auszukübeln pflegte.

Da meine Tochter und ich auf keinen Fall mit ansehen wollten, wie sich der Junkie endgültig über den armen Opa her macht, suchten wir flink das Weite.