Archiv für September 2007

Dein geheimer Name

Du hasst deinen Job? Wirf ihn hin und beende deinen Hass. Du denkst, du brauchst 500.000 €, um glücklich zu werden? Hör auf zu denken. Du glaubst, es wäre toll, deinen neuen 5er BMW der Oma vorzuführen? Mach dich nicht lächerlich. Du denkst, du bist ein Opfer des Systems und hättest keine Wahl? Du hast immer die Wahl. Du glaubst, du findest keine Freundin und bist auf ewig alleine? Stimmt, allerdings nur, weil du selbst mit Freundin auf ewig allein sein wirst. Allein mit dir und deinen Gedanken. Doch was bleibt von dir, wenn deine Gedanken völlig zur Ruhe kommen? Wenn dein achso intelligenter Radioschädel, dessen Dudelprogramm du selbst produzierst, langsam aus der Reichweite des Sendemastes driftet? Solange, bis selbst das Rauschen verstummt? Was dann passieren kann, sagt dir die Hamburger Rockband Tocotronic auf ihrem neuen Album Kapitulation. Und eventuell noch mehr.

Zunächst wäre jedoch zu klären, wer dieser eigenartige Typ auf dem Albumcover ist und der scheinbar verstanden hat, wie man sich der Wirklichkeit hingibt: nicht wertend, nicht unterscheidend, höchst achtsam und völlig emotionslos. Es handelt sich hierbei um ein Gemälde des amerikanischen Malers Thomas Eakins (1844 – 1916). Portrait of Douglas Morgan Hall, so der Titel des Werkes, zeigt einen jungen Mann vor dunklem Hintergrund, dessen Gesichtsausdruck weder gut noch böse, weder fröhlich noch traurig ist. Er ist einfach nur da und schaut, wahrscheinlich meditiert er gerade.

Tocotronic haben nun folgendes gemacht: sie schnappten sich Timothy Learys berühmten Slogan Turn on, tune in, drop out! und fokussierten sich auf die letzte, wichtigste und schwierigste Phase, den Drop out. Mit Hilfe des so genannten Downshiftings, das in einer neoliberalen Leistungsgesellschaft sicherlich nicht zu den Mainstreamphänomenen gehört, wäre es sogar möglich, den potenziellen Ausstieg im Nachhinein sinnvoll pseudo-wissenschaftlich zu legitimieren (wer so was für sich als notwendig erachtet – bitte).

Halt an. Steig aus. Geh weg. Der Aufruf zur Verweigerung ist natürlich besonders bei Tocotronic nicht neu. Doch diesmal passieren Dinge, die bei weitem über schnöde Kapitalismuskritik hinausgehen. Waren die beiden Vorgängeralben recht einlullend, somnambul und teilweise arg ins Leere zeigend, so offenbart sich mit Kapitulation eine plötzliche Klarheit und Deutlichkeit, die ich so von der Band auf ihre alten Tage nicht unbedingt erwartet hätte. Ich weiß noch genau, wie ich mir damals (vor 40 Jahren) ein Mixtape von Don Corleone brannte überspielte, auf dem sich auch drei Tocotronic-Songs befanden. Zack…Puff…Peng! Heutzutage beschäftigt sich die Band nicht mehr mit Busfahrten nach Hamburg-Bahrenfeld oder Michael-Ende-Bashings, sondern sie versucht, den aufgeschlossenen Hörer auf drei Dinge hinzuweisen, deren immense Bedeutung nicht genug hervor gehoben werden kann:

1. Sensitive Liebe geben (und im Idealfall: empfangen)
2. Hinwendung zur nicht-intellektuellen Betrachtung der Umwelt (Mystizismus), die in religiöser Ekstase gipfeln kann und soll
3. Aufgabe jeglicher Erwartungen und Hoffnungen

Ich gebe zu: letzteres ist sicherlich am schwersten zu realisieren. Materielle Wünsche wie Haus, Hof und Hund sind dem bitte unterzuordnen, ganz zu schweigen vom hektischen Streben nach Geltung in der bürokratischen Parallelgesellschaft. Was verdienst du und wie viele Leute hast du unter dir?

Die Tocos, wie sie häufig liebevoll genannt werden, empfehlen uns also nicht nur bewusstes Downshifting in Learys Drop-out-Phase (Kapitulation, Sag alles ab, Mein Ruin), sondern sie geben auch dezente Hinweise zu sinnvollen Nutzung der neu gewonnenen Zeit. Diese Hinweise sind sehr subtil und poetisch, aber keinesfalls unverständlich. Es gilt, eine Welt zu entdecken und zu beschreiben, die seit vielen Jahren von bedeutenden Wissenschaftlern, allem voran Physikern, als immateriell, aber dennoch real bezeichnet wird. Alles gehört dir, eine Welt aus Papier. Die Konsequenz dieser Überlegungen und Theorien ist verblüffend und muss als absolut radikal bezeichnet werden: Gedanken (bzw. Geist) formen materielle Realität. Es gibt kein Innen und Außen, denn du bist die Welt. Das Einzige, was real existiert, ist überraschenderweise das Bewusstsein. Von unserem Standpunkt zwar immateriell, aber trotzdem real. Innerhalb dessen entstehen Formen und Objekte, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Bewusstsein im Endeffekt ebenfalls als immateriell anzusehen sind. Fass den Tisch vor dir an. Er ist nicht wirklich dort. Er ist nur ein Teil von dir, er ist Teil deiner Bewusstheit. Würde ich dem Tisch nun mit einem Mega-Mikroskop zu Leibe rücken und mich so weit ranzoomen, bis ich in die sonderbare Welt der Elementarteilchen eindringe, würde sich alles auflösen, Kausalität würde verschwinden, die Welt wäre nur noch ein Gewebe von Wahrscheinlichkeiten, welche naturgemäß wiederum Produkte des Geistes sind – oder hat jemand mal eine Wahrscheinlichkeit in Echt gesehen?

Nach diesem kleinen Exkurs in die Kernaussagen der Quantenmechanik zurück zu Tocotronic und ihren wunderbaren Chansons. Im letzten Song auf dem Album fragt uns Sänger Dirk von Lowtzow:

Kannst du in den Pfützen die Wolkenfetzen sehen?

Natürlich können wir sie sehen. Aber was bitte bedeutet sehen? Kannst du diese Wolken in ihrer ganzen Bedeutung ermessen? Kannst du ernsthaft darüber nachdenken, was diese Wolken eigentlich mit dir zu tun haben? Kannst du sie wirklich sehen?

Das Werkzeug zur unvoreingenommenen Betrachtung der Welt sowie zur nachhaltigen Veränderung dieser Welt durch Neustrukturierung geistiger Prozesse nennt sich Meditation. Diese positive Manipulation von geistigem Kontext hat aufgrund der Untrennbarkeit von Innen und Außen unmittelbare Auswirkungen auf die für uns so wichtige und anschauliche materielle Ebene. Meditation ist somit nicht nur Veränderung in sich, sondern auch ein Akt von Schöpfung. Und genau deswegen ist jeder von uns ein kleiner Gott. Klassische religiöse Ideologien wie beispielsweise das Christentum mögen bestimmte gute Ideen und Ansichten transportieren und vielen Menschen Sinn stiften. Jedoch sollte dabei nicht vergessen werden, dass alle Ideologien, egal welche, trennend wirken. Manche gehen sogar soweit und bezeichnen Religion als mentalen Kindesmissbrauch. Nicht glauben, sondern wissen. Nicht aber im Sinne von faktischem Sammeln und Verwalten, sondern über sinnliches Erfahren, denn Wirklichkeit ist die reinste und schönste Form von Wahrheit.

Tocotronic möchten uns mit den Mitteln der Kunst auf etwas hinweisen, nämlich auf uns selbst. Sie sorgen sich um uns und möchten, daß wir uns nachhaltig verändern. Aber nicht Geh auf eine Demo und zünde eine Kerze für den Frieden an!, denn dies wäre nur ein hohles Symbol. Sie möchten, daß du deine Gedanken überprüfst, neu ausrichtest und altbekanntes Denkverhalten rücksichtslos hinter dir lässt. Und das jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Diese Achtsamkeit ist der Schlüssel zur Erlösung von allen Ängsten.

Ich finde, mehr kann man von einer Rockband eigentlich nicht erwarten.

Was ich bis gestern…

…noch nicht wusste: ältere Menschen nennen die DVD auch gerne mal Buntfilmschallplatte. Mein aufrichtiges Lob für diese energische Zurückweisung unlustiger Abbreviaturen.