Archiv für Januar 2007

„Kleine Brötchen“ von Achim Schwarze

Auf Achim Schwarzes Buch „Kleine Brötchen“ trifft das zu, was eine amerikanische Zeitung vor einiger Zeit über Charles Bukowski schrieb: rüder, onanistischer Neon-Schmutz. Moment, rüde trifft in diesem Fall absolut nicht zu. Eher das Gegenteil ist der Fall und Großmeister Buk möge mir im Himmel verzeihen, das ich seinen Namen in diesem Zusammenhang ins Spiel gebracht habe.

Mein Resumee möchte ich gleich am Anfang vom Stapel lassen: Schwarzes Buch ist ein erschreckend selbstreferentieller literarischer Samenerguss, der immer und immer wieder seinen Weg ins Gesicht des Autors findet. Aber von vorn.

Vor einiger Zeit trieb ich mich des Nächtens im Internet rum und stieß durch Zufall auf ein Buch, das den Titel „Kleine Brötchen – von den Vorzügen, ohne feste Anstellung zu sein“ trug und von einem ehemaligen Unternehmensberater geschrieben wurde. Und hier stutzte ich: ein Buch über die positive Umdeutung der Arbeitslosigkeit, und das auch noch von einem…hüstel…Unternehmensberater? Meine eigene Erfahrung lehrte mich, das Unternehmensberater (neudeutsch: Consultants) von Ehrgeiz zerfressene, hierarchiesüchtige Elite-BWLer sind, die dringend ihre Lebensprioritäten prüfen sollten. Und genau dies tat Achim Schwarze, als er im Oktober 2001 seinen Job als Marketingleiter eines Multimedia-Unternehmens verlor (natürlich aufgrund der „Dot-Com-Krise“) und fortan die Vorzüge genoss, ohne feste Anstellung zu sein. Diese Vorzüge teilt er uns nun in seinem 2005 im Goldmann Verlag erschienen Buch mit.

Ich finde gut, das er es tut. Ich finde nicht gut, wie er es tut. Richtig und notwendig ist die von Schwarze geforderte Neubewertung des angeblich so unbefriedigenden Zustands der Arbeitslosigkeit. Es gibt eindeutig weit schlimmere Schicksale, als ein paar Monate staatlich subventionierte Ferien zu verbringen, egal ob dieser Zustand selbst gewählt wurde oder nicht. Scheitern als Chance. Das Buch gibt hierbei eine Vielzahl von Denkanstößen und versucht, den Leser von der Betrachtung des Jobverlustes als Super-GAU abzukehren.

Nur leider ist nicht jeder Arbeitslose ein so schlauer und gewiefter Fuchs wie Achim Schwarze. Das Buch liest sich teilweise wie eine 300 Seiten dicke Bewerbungsmappe und ich habe selten einen Autor erlebt, welcher dermaßen penetrant herumposiert. Was er nicht alles kann und ist: Grafiker, Programmierer, Webdesigner, Filmproduzent, Schauspieler, Gourmet, Kunstkenner, Comiczeichner, Schriftsteller, Werbefotograf, Art Director, Menschenkenner. Angeblich besitzt er sogar eine Zimtplantage auf Sri Lanka, wo er in einem stattlichen Anwesen die Wintermonate verbringt.

Sicher, solche Allround-Genies mag es geben. Nur wird mir immer etwas, sagen wir mal, schlecht, wenn Menschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf sich selbst verweisen. Und genau dies tut Schwarze in seinem Buch. Aller drei Seiten fällt im Zusammenhang mit seiner Person das Wort hochqualifiziert, obwohl ihm seine unglaublich ausgeklügelten 120 Bewerbungen auch keinen Job verschaffen konnten. Schwarze ist ein Sunny-Boy und schrieb ein Buch für Leute, die eh immer alles toll, super und interessant finden. Ich bin sicher, solche Leute wie er könnten sogar dem Bad in einer Jauchegrube noch etwas spannendes abgewinnen. Banalste Dinge, wie beispielsweise, das man doch die 3 Minuten zum Bäcker auch mal mit dem Fahrrad fahren könnte, das man kaputte Dinge lieber repariert als sie weg zu schmeißen und das es nicht nötig ist, in 300 Euro Schuhen rum zu laufen, werden hier als tief greifende und völlig neue Einsichten bedeutungshubernd ausgeschmückt.

Scheinbar hat aber auch Schwarze seinen „Abstieg“ aus dem Kreise der Topverdiener nicht ganz verkraftet, denn welch lächerlichen Aufwand er betreibt, um noch dazu zu gehören, lässt sich wunderbar anhand folgender Buchpassage illustrieren:

Als ich nach dreißig Minuten abendlichem Sauwetter (mit dem Fahrrad) in der Auguststraße in Berlin-Mitte ankam, drückte ich mich kurz in einen dunklen Hauseingang. Ich zog meine Hose herunter und hoffte, dass nicht ausgerechnet jetzt jemand aus dem Hinterhof in den Flur treten und anfangen würde zu schreien. Ich nahm die große Plastiktüte aus dem Rucksack, in der ich meine empfindliche Anzughose mitgebracht hatte. Mit der schicken Hose an den Beinen fühlte ich mich schon besser. In Socken auf der leeren Tüte stehend, wechselte ich in die guten Schuhe (Anm. H. Jensen: etwa die 300 Euro Schuhe?). Dann zog ich Anorak und Fleece-Hemd aus. Mein nackter Oberkörper dampfte in der Kälte des Hausflurs wie ein Pferd nach einem scharfen Ausritt im Winter (Anm. H. Jensen: wow, ein geiler Hengst ist er auch noch). Ich drückte das Licht wieder an. Einer weiteren Plastiktüte entnahm ich einen feuchten Waschlappen mit ganz wenig Seife auf der einen Seite und machte mich frisch. Dann trocknete ich mich mit dem kleinen Handtuch aus der Außentasche ab, schlüpfte in ein frisch gebügeltes Hemd, das ich vorsichtig eingerollt mitgebracht hatte, und band mir eine Krawatte um. […]

Als ich mich unter die feine Gesellschaft der Vernissage mischte, fühlte ich mich frisch und gesund und noch ganz euphorisiert von meiner sportlichen Anreise. Lächelnd sah ich mir die anderen Gäste an und hatte das Gefühl, dass es mir besser ging als allen, die mit dem eigenen Wagen oder im Taxi gekommen waren.

Ich selbst fühle mich auch immer euphorisiert, wenn ich mich im Hausflur einer fremden Mietskaserne mit einem Waschlappen abreibe. Ich verweise hier noch einmal auf mein oben entwickeltes Jauchegruben-Beispiel. Richtig finster wird es aber, wenn Schwarze seine ekelhaft klischeebeladenen Begegnungen mit Ausländern beschreibt und sogar explizit ein Hohelied auf das deutsche Liedgut anstimmt:

Der knorrige Flamenco-Zigeuner mit der gegerbten Haut, der herzzerreißend von unmöglicher Liebe und dem Tod singt, ist nicht anwesend. Sein Stellvertreter heißt Mirko und ist blond, kann aber trotzdem fehlerfrei klampfen. Während ich mit einem Stock in der Glut stochere und ein paar Funken hochwirbeln, stimmt Mirko das nächste Lied an. Es ist deutsch.

Als nächstes stellt sich Schwarze fast sehnsüchtig die Frage:

Wie bitte? Am Lagerfeuer sitzen und deutsche Lieder singen? In Brandenburg? Sind wir bei der Neonazi-Ortsgruppe zu Gast?

Daraufhin wird ein Text der Band Echt gepriesen:

Ist das Kitsch, nur weil es von der Teenie-Band Echt stammt? Für mich sind diese Zeilen, auch bei Tageslicht und auf Papier, wunderbare Pop-Poesie in meiner Muttersprache – viel intelligenter als der Großteil der angloamerikanischen Chart-Titel, deren Inhalte die meisten Deutschen nicht einmal ahnen.

Achim Schwarze ist also nicht nur ein IT-Freak, sondern auch ein Kenner der deutschen Poesie, an deren Spitze, wie ja jeder weiß, die aufgelöste Popgruppe Echt steht.

Man muss es einfach zugeben: er ist halt ein toller Typ und tausendmal cleverer als du und ich. Ich verneige mich und lege eine CD der amerikanischen Instrumentalband Explosions In The Sky in meinen gebrauchten CD-Player, denn englische Texte würde ich sowieso nicht verstehen.

„Kleine Brötchen“ bei AMAZON

MOB retten, zerstören, retten…

Danke.

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Post von Hank

Wenn man bedenkt, wie viele Menschen schon gelebt haben, und wenn man sich die heute Lebenden ansieht – sie erscheinen nicht nur als ein Wunder der Wahrscheinlichkeitsrechnung, sondern auch als etwas, das weg muss. Wie überflüssige Triebe, die gekappt werden; wie etwas, das abgeerntet wird. Ein Prellbock am Ende der Straße.

Wäre es zu preziös, einfach zu sagen, dass wir beinahe mit einem Gefühl von Beschämung leben, als würden wir uns etwas leisten, das uns nicht zusteht?

Ich würde in meinem Tod, der demnächst fällig ist, nichts Trauriges oder Tragisches sehen; nur die Beseitigung von Müll und das Verschwinden einer Keuchhustenstimme, die zuviel redet und zu wenig sagt.

Charles Bukowski

(aus: „Schreie vom Balkon – Briefe 1958 – 1994“, Gingko Press Hamburg, 2005, S. 110 – 111)

Planier, die kleine Raupe

Dinge, die mich faszinieren, sind Baumaschinen. Ab und zu kann es passieren, das ich an einer großen Baustelle stehen bleibe und glotze. Man könnte auch sagen: ich halte einen Maulaffen feil. Wie ich hier las, waren Maulaffen (oder Gähnaffen) im Mittelalter tönerne, kopfförmige Halter für Kienspäne. War man nun arm und konnte sich keinen Maulaffen leisten, dann klemmte man sich den Kienspan einfach in den Mund, um mit beiden Armen bzw. Händen weiter zu arbeiten. Man stellte dann sozusagen einen Maulaffen dar. Ab dem 15. Jahrhundert änderte sich diese Bedeutung. Nun wurden die besonders bei Unfällen beliebten Gaffer als Maulaffen bezeichnet.

Ich selbst maulaffe also gerne vor Baustellen rum. Meistens ist mein Mund dabei geschlossen. Er öffnet sich allerdings recht schnell, wenn eine Planierraupe die Szenerie illuminiert. Allein das Wort finde ich toll: Planierraupe! Als Alternativbegriffe sind Schubraupe oder Bulldozer auch nicht von übler Natur. Anders als die von mir auch gemochte Walze macht eine Planierraupe nicht nur alles platt, sondern schiebt die Dinge gleichzeitig noch beiseite. Gerne würde ich mit solch einem Gerät bei der nächsten Nazidemo auftauchen, um die ein oder andere Planierarbeit zu verrichten. Planierraupen lassen sich in zwei Kategorien einteilen: Kettenraupen und Radraupen. Um den Wert einer guten Planierraupe zu charakterisieren, sind prinzipiell nur drei Größen interessant: Gewicht, Leistung und Schildvolumen.

Die größte Planierraupe made in Germany ist angeblich die Kaelble-Gmeinder PR30. Diese wird von einem V8 GM Motor angetrieben, bringt es auf 311 PS und besitzt ein hydrodynamisches Wandler-Lastschalt-Planetengetriebe (was immer das auch ist). Im Vergleich zum nächsten Modell ist sie jedoch nur ein Planierräupchen.

Wie ich hier las, ist die D575A-3 SD des Baumaschinenherstellers Komatsu die größte je in Serie gebaute Planierraupe der Welt, ein sogenannter Superdozer. Meine Recherche bei Komatsu ergab, das diese Megaraupe leider nicht in Deutschland vertrieben wird. Sie wiegt 153 Tonnen, schnurrt mit geschmeidigen 1170 PS durch die Gegend und besitzt ein Schildvolumen von 69 Kubikmeter. Allein dieses Raupenschild wiegt schlappe 10 Tonnen. Knapp 5 Meter hoch und 7,4 Meter breit schiebt diese Traumraupe locker an die 220 Tonnen vor sich her. Als Kind hätte ich jetzt gesagt: urst geil!

Blog Bloc Party

Das Warten hat bald ein Ende: am 6. Februar erscheint das neue Album „A Weekend In The City“ der britischen Band Bloc Party. Ich muss zugeben, das ich mich mit ihrem Debutalbum „Silent Alarm“ anfangs recht schwer tat. Der Hype erfasste mich nicht sofort. Als ich die Scheibe jedoch später etwas lauter im Proberaum hörte, schlugen Bloc Party in mich wie ein 240 mm Mörser in eine Stellung der Taliban ein. Ich verstand: es geht in erster Linie nicht um Sound, sondern um Rhythmus.

Seit dem ist diese Band für mich wie ein Wunder, denn die Musik scheint sich einfach nicht abzunutzen, egal wie oft man sie hört. Das gedroschene Schlagzeug und der Bass sind Eins, die Trance und das urbane Lebensgefühl ebenfalls. Wer hören möchte, wie Bloc Party ihren Fender-Gitarren die klingelnden Achtel-Traktate abtrotzen, der oder die sollte sich den folgenden Song „The Answer“ downloaden. Die neuen Singles „The Prayer“ und „I still remember“ gibt es ebenfalls zu bestaunen (nur als Stream).

Lade „The Answer“
Höre „The Prayer“ (Stream, Flash benötigt)
Kuck „I still remember“ (Corleone: danke für den Tipp!)

Das Prokrastinationsphänomen

Auf dem Blog von Jules stieß ich neulich auf einen sehr interessanten Eintrag zum Thema Aufschiebeverhalten, auch Studentensyndrom genannt. Viele werden sich hier wiedererkennen. Ob es nun die Vorbereitung für eine Klausur, das Säubern der Wohnung oder ein wichtiges Anliegen beim Chef ist: nur allzu gern schiebt man kurzfristig vermeintlich angenehmere Dinge dazwischen. Oder wissenschaftlich ausgedrückt: man prokrastiniert. Wie ich bei Jules las, sind hier sogar Doppelprokrastinationen möglich.
Beispiel: eigentlich wollte man den Hamsterkäfig säubern, da einem dies aber unangenehm ist, entschließt man sich, ein wichtiges Telefonat zu führen. Man steht vor dem Telefon und denkt: ach shit, ich zocke erstmal eine Runde Gridwars. Und zack ist man Opfer einer Doppelprokrastination geworden.
Dabei machen die Dinge, welche als Ersatzhandlung vollzogen werden, auch gleich doppelt so viel Spaß.

Die Empfehlung im oben verlinkten Wiki-Artikel, man solle sich doch bitte einen Psychologen suchen, halte ich für etwas übertrieben. Wir Prokrastinatoren machen eben alles nur etwas später. Keine Angst, niemand ist allein.

Teaserbild: Gridwars-Screenshot (Mist, schon wieder prokrastiniert!)

Dornröschen war ein…

…schönes Kind, schönes Kind, schönes Kind! Dornröschen war ein schönes Kind, schööööönes Kind.

Gestern waren wir im Puppentheater Sterntaler zur Inszenierung von „Dornröschen“. Es war rappelvoll und eigentlich erwarte ich immer, das sich aufgrund von Langeweile nach 10 Minuten kleine Grüppchen von Kindern zusammenrotten und anfangen zu randalieren. Dem war aber überhaupt nicht so. Selbst auf dem Höhepunkt, als der Prinz Dornröschen wach küßt, hat niemand gerufen: „Mama, ich muß kacken!“. Alle waren, bis auf wenige Ausnahmen, vom Geschehen hypnotisch gebannt. Dies liegt unter anderem auch daran, das Künstlerin und Puppenspielerin Meike Kreim die Kinder mit in die Geschichte einbezieht und in kleinere Tätigkeiten verstrickt. Da darf der eine mal die Spindeln aufheben oder mehrere auserwählte Knirpse dürfen die 12 Feen spielen und dem Dornröschen ihre guten Wünsche einflüstern (eigentlich sind es ja 13 Feen, aber es fehlte ein Teller bei der Geburtstagsfete und so durfte die 13. Fee nicht mitfeiern – diesen Sachverhalt hatte ich über die Jahre ganz vergessen).

Leider fehlten diesmal die zarten psychedelischen Momente aus der Dezemberaufführung von „Frau Holle“. Und auch die Kulissen fand ich etwas trist. Dies wurde jedoch durch Meike Kreims tiefe und sinnliche Stimme bestens kompensiert. Noch ein kleiner Tipp an Menschen, die ein Kreuz wie ein Kohlenträger haben: sich beim Puppentheater in die erste oder zweite Reihe zu setzen finde ich eher ungünstig.

Zur Homepage des Puppentheaters

(Teaserbild via Sandra (Danke!), Original von Robert Doisneau)

Guido Westerwelle versus Quantenphysik

„Guido Westerwelle hat sich für seine Karriere entschieden, nicht für seine Persönlichkeit.“ (Zitatquelle)

Ich gebe es zu: Politiker sind mir suspekt. Besonders einer hat es mir angetan: Guido Westerwelle. Ihn muß man sich als eine Art homosexuelle ganz dufte Dauergrinsekatze vorstellen. Ein verschwiemelter Strebertyp, ein Betroffenheitsfanatiker, Opportunist und hypothetischer Absolvent der Handelshochschule Leipzig. Am schönsten changiert er, wenn er betroffen oder empört ist. Der Schriftsteller Wiglaf Droste dichtete über Westerwelle:

„Alles was er hatte,
war Krawatte“.

Wie ich hier las, war Westerwelle der „Krawattenmann des Jahres 2001“. Guido Westerwelle, die fleischgewordene Krawatte mit Kotzmuster. Eine, die im Fernsehen immer flimmert. Seine Biographie ist so aufregend wie Fusseln: geboren in Bad Honnef, dann Abitur, Jura, Rechtsanwalt, Bundestags- abgeordneter. Hobbys: Lesen, reiten, laufen, reden. Die Wörter Westerwelle und blümerant sind für mich genau wie die Begriffe Form und Leere im Wesentlichen von wechselseitiger Durchdringung geprägt. Form ist Leere, Leere ist Form. Dieses elementare buddhistische Wirklichkeitsprinzip ließe sich problemlos auf Guido Westerwelle übertragen. Der vietnamesische Zen-Meister und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh kommentiert dieses Prinzip in einer seiner Schriften:

„Leere ist die Grundlage von allem. Dank der Leere ist alles möglich (Anm. H. Jensen: also auch Guido Westerwelle!). Dies ist eine wichtige Aussage Nagarjunas, eines buddhistischen Philosophen des zweiten Jahrhunderts. Leere ist tatsächlich eine optimistische Vorstellung. Wenn ich nicht leer wäre, könnte ich nicht sein, und wenn ihr nicht leer wäret, könntet ihr nicht sein. Weil ihr seid, kann auch ich sein. Das ist die wahre Bedeutung von Leere. Form hat keine selbstständige Existenz.“

Wir sehen also, das Form und Leere zwei Ideen ein und derselben Wirklichkeit sind. Und hier beginnt das Paradoxon, an dem sich unser feucht-summender Gehirnkasten die fauligen Zähne ausbeißt: getrennt betrachtet sind beide Begriffe unvollständig und somit falsch. Betrachtet man Form und Leere nun von einem holistischen Standpunkt, dann schließen sich beide Begriffe hingegen aus. Egal wo man hintritt – die käsigen Mauken tapsen immer wieder in die Falle. Eine Überwindung dieser logischen Schranke ist prinzipiell möglich. Unmöglich ist jedoch, sich diesen Sachverhalten durch ausschließliche Anwendung intellektueller Fähigkeiten zu nähern. Erfahrung ist verschieden von Wissen. So-sein ohne Intuition ist wie Bumsen ohne Glied. Geboten wird nur der halbe Spaß (wenn überhaupt!). Statt Form ist Leere, Leere ist Form könnte man auch sagen: Alles ist Form, alles ist Leere. Der die menschliche Existenz behindernde weltbildliche Dualismus wäre somit überwunden. Es gibt kein voneinander unabhängiges Weltgeschehen!

Eine schöne Analogie bietet hier die westliche Naturwissenschaft in Form der Quantenmechanik. Der Welle-Teilchen-Dualismus, der hauptsächlich durch Max Planck und Albert Einstein postuliert wurde, bringt die scheinbare Unvereinbarkeit zweier sich ausschließender Prinzipien auf den Punkt. Moment! Es ist kein Punkt. Es ist ein Teilchen. Argh, falsch. Es ist eine elektromagnetische Welle, also eine Schwingung des elektromagnetischen Feldes. Huch! Wieder falsch. Es ist Teilchen und Welle, und zwar gleichzeitig! Und was ist nun Teilchen und Welle? Natürlich wieder nur ein Wort.

Der Grund dafür, das nach der Bekanntgabe dieser bahnbrechend neuen Naturprinzipien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts keine neue ontologische Grundlage geschaffen wurde, liegt auf der Hand: jedes Krächzen unserer Stimmbänder würde eine bestimmte Schallschwingung (Wort) hervorrufen, die (das) doch nur wieder ein Teil dessen ist, was sie (es) eigentlich beschreiben sollte. Ein ungelenkes Röcheln im illusionären Fluß der Zeit. Ein dauerndes Danebengreifen. Die Sprache, die unsere makroskopische Welt beschreibt, ergibt im Bereich des unendlich Kleinen keinen Sinn mehr. Einzig die Mathematik ist in der Lage, unaussprechliche Zustände kohärent abzubilden. Ein putziger Versuch zur sprachlichen Beschreibung von Quantenzuständen kam ausgerechnet von einem Elementarteilchenphysiker: Prof. Dr. Hans-Peter Dürr, ehemaliger Direktor des Werner-Heisenberg- Instituts für Physik in München und Träger des alternativen Nobelpreises, haspelt gerne von Wirks anstatt von Welle-Teilchen-Phänomenen. Ebensogut könnte er auch Spucknapfsülze dazu sagen. Weder (Wester-)Welle, Teilchen, Wirk oder irgend eine andere Sülze sind adäquate Beschreibungen vom Sein.

Wer sich diesem Sachverhalt als interessierter Laie auf legale und intuitive Art und Weise nähern möchte, dem empfehle ich folgendes:
Maul halten, ruhig atmen, nichts tun. Und das jeden Tag für mehrere Stunden. Diese Methode östlich-philosophischer Weisheitslehre ist der Anfang des langen Weges zur Erleuchtung (Erleuchtung bedeutet: Endlich mal im Kopf klar kommen, und zwar richtig.).

Dieser Artikel soll eine kurze Einführung in die oben angerissenen Themen sein. Ich komme bei Gelegenheit darauf zurück. G Punkt Westerwelle wird davon allerdings nicht betroffen sein, denn er diente mir nur als Köder.