Archiv für Dezember 2006

Surfen im Wahnsinn

Das Jahr geht zu Ende, der Listenwahnsinn fängt an. Die Freunde von Jackpot Baby! machen es vor (hier und hier). Der Sinn solcher Listen ist die öffentliche Zementierung des eigenen Expertentums sowie die Begeisterung für Musik, welche mit anderen Menschen geteilt werden soll. Natürlich wird dadurch auch indirekt die Vorherrschaft von Wickelrockschlunze Shakira und Gesichtsmöter Detlef Bohlen eingeschränkt, da es sich hier nicht um Verkaufscharts handelt. Dies ist aber eher ein Nebeneffekt. Damit keine all zu große Langeweile aufkommt, beschränke ich mich auf 3 Topics a 5 Posten:

Alben 2006

1. klez.e „flimmern“
Tobias Siebert, du brennender und verzweifelt wirkender Gitarrengott! Wie kann man gleichzeitig bei Klez.e und Delbo spielen? Meilenweit von der Flachheit Madsens entfernt und doch nie so irrlichtern schwurbelnd wie Delbo gebaren Klez.e ein dezent flimmerndes Kunstwerk, an dem sich die nächste Notwist-Platte messen lassen muß.

2. mogwai „mr. beast“
Eine Überraschung: kein Song ist länger als 5:39. Tut auch nicht Not. Mogwai beweisen mal wieder: Sprache wird überschätzt.

3. röyksopp „the understanding“ (ich weiß, kam 2005 raus)
Die Platte empfahl mir mein lieber ex-Arbeitskollege Horst (Name geändert). An einem goldenen und sehr warmen Nachmittag lernte ich diese Band kennen und lieben.

4. the killers „sam’s town“
Was habe ich zu „When you were young“ hier unter meiner Discokugel abgefeiert. Prätentiös bis kurz vorm Durchfall wimmert und knödelt sich Brandon Flowers durch die teils doch arg breit gematschten Songs – herrlich!

5. snow patrol „eyes open“
Sehnsucht.

Songs 2006

1. elyjah „lightbeam and chimney“
2. klez.e „strandlied“
3. the strokes „heart in a cage“
4. keane “crystal ball”
5. disco ensemble “drop dead, casanova”

Konzerte 2006

1. sometree (nato)
2. elyjah (ut connewitz)
3. luke (immergut 06)
4. yeah yeah yeahs (immergut 06)
5. clayton farlow (ilses erika)

Kurzeinkauf

Gerade war ich im viel zu teuren REWE Supermarkt, um noch einige spezifische Artikel einzukaufen, die es im PLUS nicht gibt. Natürlich war die Hölle los. Vor mir kaufte einer für knapp 400 € ein. Eingezwängt in Supermarktwarteschlangen kann man eigentlich nur folgendes tun: Arme seitlich anlegen, ruhig und tief weiteratmen und dabei an eine luftige Sommerwiese denken. Als ich dran war, kuckte die Kassiererin nicht schlecht. Ich kaufte: 1 Packung Schokoküsse, 2 Kiwis, 4 grüne Bananen, 1 Glas Honig und 1 Glas Kaviar. Wahrscheinlich dachte sie: „Diese verdammten dekadenten Studenten! Schmieren sich auf ihre Negerküsse Kaviar und spülen das Ganze auch noch mit Honig runter. Verrecken sollst du!“ Das ist natürlich eine mutwillige Unterstellung. Draußen torkelten mir die ersten Besoffenen über den Weg. Die Deutschen brauchen immer einen Anlaß zum Saufen und Silvester ist wahrlich der Prächtigste von allen. Sich einen Tag vorher mit dem unsäglichen Alkohol zuzuschütten heißt dann „vorglühen“. Einen Tag später heißt es dann „nachglühen“. Und solange Unsummen für Dinge ausgegeben werden, die eine zehntel Sekunde lang „PENG!“ machen, ist alle deutsche Nörgelei und Panikmache vor einem möglichen Rückfall ins Dritte-Welt-Milieu grobe Heuchelei.

Ich sage: bizarr, bizarr!

Für Leute, die sich noch wundern können: klickt hier.

Live Forever

„Someday You Will Find Me
Caught Beneath The Landslide
In A Champagne Supernova In The Sky”

Rechtzeitig vor Weihnachten kam das Best-of-Album „Stop the Clocks“ der britischen Band OASIS heraus. Wer bereits alle OASIS-Alben besitzt und nicht möchte, das Hauptsongschreiber Noel Gallagher noch reicher wird, dem rate ich vom Kauf ab. Alle Songs wurden schon früher veröffentlicht.

Trotzdem: ich bin ein OASIS-Fan! Im Falle der epochalen Supergroup hat man als Musikliebhaber eigentlich nur zwei Möglichkeiten: entweder man liebt sie oder hasst sie. Hat man sich für die erste Variante entschieden, so gilt es, diese Liebe in folgender banalen und völlig subjektiven Aussage gipfeln zu lassen: OASIS sind die fucking größte Band der Welt! Woher kommt aber dieser inbrünstige und sympathische Größenwahn, den man als Fan der Gruppe ungefragt zelebriert? Natürlich von der Band selbst, genauer gesagt von den zwei Hauptakteuren Liam und Noel Gallagher. Wenige Rockgruppen konnten sich über einen dermaßen langen Zeitraum erfolgreich in der Welt behaupten und noch weniger Bands legten mit zunehmendem Erfolg eine immer größer werdende Scheißegal-Haltung an den Tag. Fans werden von der Band in der Regel verachtet, wobei mir der knuffige Noel etwas sympathischer als sein rüpeliger Bruder Liam ist. Skandale wie Konzertausfälle durch Gewaltexzesse, Drogen-Mißbrauch und öffentliches Gepöbel gegen alles und jeden sind bzw. waren an der Tagesordnung. Neben diesen Sekundärtugenden bieten OASIS aber vor allem unsterbliche Songs. Ich behaupte, das man 75 Prozent des gesamten OASIS-Materials als klassisch-zeitlose Dokumente menschlicher Musikgeschichte betrachten kann. Dabei stört auch nicht, das musikalische Weiterentwicklungen größtenteils nicht stattfinden. Somit ist klar, das jedes neue OASIS-Album nur toll werden kann!

Manche werfen der Band pure selbstherrliche Arroganz vor. Nun, das stimmt völlig. Legendär der Auftritt am Ende ihrer Welttournee im Jahr 2000 im Londoner Wembley-Stadion, als die 70.000 mit „Hello Manchester“ begrüßt wurden und Sänger Liam den Konzertort als „Scheißloch“ bezeichnete. Schön zu hören auf dem 2000er Doppel-Live-Album „Familiar to Millions“. U2 würden so etwas glaube nicht machen. OASIS kommen, spielen, pöbeln und gehen wieder. Peinliche Publikumsanimationen a la „oh you’re such a great audience bla bla…“ finden einfach nicht statt. OASIS sagen: wenn es dir nicht paßt dann verpiss dich gefälligst. Das ist grundehrlich und für eine so große Band im Showbiz absolut ungewöhnlich. Die Gruppe ist ein schöner Gegenentwurf zur Pop-Nulpe Robbie Williams, der extremes Bühnengezappel und das Machen von pseudo-lustigen Knautschgesichtern für Entertainment hält.
Ein OASIS-Konzert möchte ich allerdings nicht besuchen. Die ganzen Möchtegern-Liams mit ihren Parkas und dem charakteristischen Schlenkerschritt würden mich nur peinlich berühren. Ich müßte die ganze Zeit lachen und das würde mir das Konzerterlebnis doch arg versauen. Fans sind Jünger, die demütig und dankbar jede neue Platte untertänigst entgegennehmen und sich nicht erlauben sollten, sich selbst als Reinkarnation von Liam oder Noel zu gerieren. Dies gilt natürlich auch für den elitären C- und D-Prominentenclub OASIS ULTRAS, bei dessen Name ich immer an Hooligans denken muß.

OASIS sind mein Antidepressivum. Habe ich schlechte Laune, dann höre ich irgendein Album und schon geht es wieder etwas nach oben. Manchmal geht das wochenlang so. Der beste OASIS-Song ever? Ganz klare Sache: „Champagne Supernova“!

Warum?
Darum.

„Where were you while we were getting high?”
Ja, wo, wo denn???

Die Treppe

Wer Kinder hat weiß, das das eigene Nervenkostüm häufig wie das bemitleidenswerte Opfer eines Drive-by-Shootings im Stadtteil Compton der Millionenmetropole Los Angeles aussieht, nämlich komplett durchlöchert. Wenn es darum geht, den Alltag zu meistern, entwickeln Kinder eine unglaubliche und bewundernswerte Kreativität. Profane Dinge immer auf die gleiche Art und Weise zu tun wäre ihnen viel zu langweilig. Hier ein Beispiel dafür, welche Methoden meine kleine Tochter entwickelt hat, um in den dritten Stock in unsere Wohnung zu gelangen:

1. Zügig die Treppe hoch laufen (der Vollständigkeit halber genannt)
2. Seitwärts oder sich dabei drehend hoch laufen
3. Rückwärts hoch laufen
4. Bis in den ersten oder zweiten Stock; dann wieder runter rennen
5. Vor der Treppe stehen bleiben und gar nicht erst hoch gehen
6. Vor der Treppe stehen bleiben, nicht hoch gehen und laut heulen
7. Bis in den ersten oder zweiten Stock, dann siehe Punkt 5 oder Punkt 6
8. Aufforderung, das ich sie hoch trage (bei Ablehnung siehe P. 5 bzw. P. 6)
9. Ich muß unten warten, dann ruft sie mich und ich darf ebenfalls hoch laufen
10. P. 9 gespiegelt: ich muß als Erster hoch laufen und rufe sie dann zu mir
11. Sie geht hoch und verbietet mir mit hoch zu kommen
12. An der Treppe vorbei rennen in Richtung Hof (verwandt mit Punkt 5)
13. Versuchen, immer 2 Stufen auf einmal zu steigen (was nie klappt)
14. Auf allen vieren oder kriechend
15. Am Treppengeländer hoch hangeln; Treppenberührungen vermeiden

Mittlerweile sind ihr die Punkte 2 bis 15 allerdings zu langweilig geworden und deshalb macht sie jetzt das, was ich ihr immer schon empfohlen habe (siehe Punkt 1).

Henrico Superstar

„Deutschlands frechster Arbeitsloser“ (BILD) beherrscht weiterhin das mediale Geschehen. Der HartzIV-Empfänger und gelernte Bauhelfer Henrico Frank aus Wiesbaden, dessen „Managerin“ ab jetzt sein Tagesgeschäft organisiert, versucht sich aus mir unbekannten Gründen zum Rächer der Enterbten und zum Godfather des Prekariats zu stilisieren. Angeblich besitzt er vier Handys – warum?

Als erstes möchte ich festhalten, das mir sämtliche Hauptfiguren dieses absurden Schmierentheaters hoch unsympathisch sind. Da wäre erstmal der gelernte Elektromechaniker und SPD-Chef Kurt Beck. Plötzlich blitzte hinter der jovial grinsenden Bartfresse und dem rüttelnden Schulterklopfer ein Wesenszug hervor, den man fast als national-konservativ bezeichnen möchte. Ein Mensch auf Arbeitssuche hat gefälligst sauber, gescheitelt und wohlriechend zu sein. Am besten noch blond und zäh wie Leder. Aber egal.

Der weit interessantere Typ-Darsteller ist aber unser Henrico. Henrico – was ist das eigentlich für ein Name? Erst dachte ich, es handelt sich hierbei um eine Kreuzung aus Henriette und Enrico. Nach kurzer Recherche fand ich heraus, das der Name Henrico italienischer Herkunft ist und mit Heinrich, Enrico und Henrik (aus dem Niederhochdeutschen) verwandt ist. Nur „Enrico“ war den Eltern wahrscheinlich nicht avantgardistisch genug.
„Henrico, das Beck-Gespenst“ (SPIEGEL ONLINE) identifiziert sich durch seinen Dreßcode eindeutig mit den Idealen des Punk. Ich finde es allerdings etwas traurig, wenn man mit 37 Jahren noch darauf angewiesen ist, sein Ego und die Mitmenschen mit einer solch billigen Fassaden-Klitterung zu bedienen. Ab einem bestimmten Alter, sagen wir mal 30, sollte jeder Mensch über die Phase der Ausstülpung innerer Einstellungen nach außen in Richtung der eigenen Kleidung hinweg sein. Ab diesem Alter sollte man sich dezent und unauffällig, aber trotzdem bewußt kleiden. Somit bietet man keine Angriffsfläche mehr und kann sich in Ruhe vergeistigen. Lederjacken, Gesichtsmetall, Buttons, Ketten etc. sind sinnlose Symbole im sozialen Spiel und haben de facto keine Bedeutung. Der kluge Punk macht sich mit den Mechanismen des „Systems“ vertraut und nutzt dessen Schwachstellen, um in Ruhe und ohne äußere Auffälligkeiten seine hedonistischen Neigungen zu befriedigen.

Was Henrico eigentlich will ist mir völlig unklar. Will er nun einen Job als Bauhelfer? Oder wittert er durch das überzogene Medieninteresse Morgenluft und möchte gleich beim Fernsehen anfangen? Am besten bei Neun Live? Oder erschrak er nach seinem Friseurbesuch ob seines plötzlichen Opportunismus und sagte sich daraufhin: „einmal Punk, immer Punk!“? Mehr dazu morgen im Fernsehen oder in der Zeitung. Ja, es ist wichtig!

Bitterfeld – Leipzig

Heute bin ich mit dem Zug von Bitterfeld nach Leipzig gefahren. In Bitterfeld schreien mich immer alle Häuser heulend an: „…bitte, reiß uns ab, bitte, hab Erbarmen, laß uns sterben…BITTE!“. Genau das würde ich auch rufen, hätte ich 40 Jahre chemischen Fall-outs hinter mir.

Im Bahnhof ist der Fahrkartenautomat, der EC-Karten frißt, kaputt. An dem anderen, der nur Bargeld nimmt, werden keine 50-Euro-Scheine akzeptiert. Fahrkartenlos betrete ich den Zug und sehe mich mit einer unglaublich obszönen Müllhalde konfrontiert. Überall liegt Essen rum. Kekse, Salat, Fleischstückchen und Klopapier bleiben an meinen Schuhen kleben, Schnapsflaschen kullern munter über den Boden und die anderen mit mir zugestiegenen Fahrgäste betasten ängstlich die Sitzflächen, bevor sie sich hinsetzen. Ich sehe mich vorsichtig um und sehr schnell wird klar: dieser völlig überfüllte Zug fährt zum Leipziger Weihnachtsmarkt! Hinter mir sitzt ein älterer besoffener Mann. Mit ihm reisen seine Frau, sein Kumpel und dessen Frau. Er ist aber der Boss, die Anderen kommen nie zu Wort. Er brüllt Sachen wie „Kuck mal Mario, Pulloverschweine!“. Zufällig schaue ich aus dem Fenster und sehe eine Herde Schafe. Später regt er sich über die großzügig im Wagen verteilten Tags auf: „…mit dem Jesochse müßte man’s machen wie im Iran: einfach Hand abhacken. Janz einfach.“

Neben mir auf der anderen Gangseite sitzt eine Familie wie aus einem Ossi-Bastelbuch Ausgabe 1991: die Mama trägt einen rosa Anorak und auf ihrem Kopf eine blondierte Lockenpracht. Der Papa trägt Turnschuhe, Schnauzer und einen braunen Hirsch-Pullover. Eine Frisur findet nicht statt. Als der Zug an der Lagerhalle des Warenversandhauses Quelle vorbei fährt, wird ehrfürchtig getuschelt: „…gug ma Roswitha, da drühm is Quelle!“. Später erspäht der 15-jährige bebrillte Sohn aufgeregt eine Straßenbahn: „Kuck ma Papa, eine Straßenbahn!“. Aber das glaubt mir jetzt eh keiner mehr.

Ein Fahrkartenkontrolleur kam übrigens nicht.

Jetzt auch noch die Krankenkasse

Hier berichtete ich über meine Erlebnisse mit der Arbeitsagentur. Heute bekam ich einen Brief von meiner Krankenkasse: „Guten Tag Herr Andy, Sie erhalten heute Ihre neue Krankenversichertenkarte.“

Riecht nach Verschwörung.

Die Jubiläumsausgabe der TEMPO

„Endlich! Die Wahrheit!“

Das verspricht uns die Jubiläumsausgabe der Zeitschrift TEMPO, die eigentlich 1996 eingestellt wurde. Anläßlich des 20-jährigen Jubiläums der Erstausgabe wurde das Magazin jetzt einmalig für eine Sondernummer reanimiert. Ein über 350 Seiten dicker Klopper mit Doherty-Freundin Kate Moss auf dem Cover, der völlig unlasziv eine Kippe an die Unterlippe geklebt wurde.

Natürlich habe ich noch nie eine Ausgabe der TEMPO gelesen, denn zwischen 1986 und 1996 schien mir der AMIGA JOKER lohnenswerter. Später kam ich jedoch mit einigen Büchern sogenannter „Popliteraten“ in Kontakt (z. B. Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre, Jörg Böckem, Rainald Goetz) und diese Autoren hatten in ihrer Vergangenheit immer etwas mit der TEMPO zu tun. Über den Profi-Kokser Stuckrad-Barre möchte ich jetzt nichts verlieren. Sicher, er hat einiges geleistet, aber in den letzten Jahren ging mir seine Rampengeilheit doch arg gegen den Strich. Ex-Heroin-Junkie und SPIEGEL-Autor Jörg Böckem berichtet auf SPIEGEL Online regelmäßig über seine Hepatitis-C-Therapie und Christian Kracht, wohnhaft in Katmandu, gibt von dort zusammen mit Eckhart Nickel die rätselhafte Zeitschrift „Der Freund“ heraus. Besonders Kracht krachte bei mir rein. Das kühle und arrogante Schnöseltum sowie seine kosmopolitische Einstellung fand ich immer toll. Sein Erlebnis in einer japanischen U-Bahn wird für mich unvergessen bleiben (aus: „Der gelbe Bleistift“):

„In der U-Bahn nach Ueno sah ich plötzlich einen Mann sitzen, der ein weiser Style-Gott zu sein schien. Er hatte raspelkurzes, graues Haar, war sehr dünn, braun gebrannt und trug einen abgewetzten hellgrauen Tweedanzug, der ein bißchen zu groß war, sein linkes Hosenbein war ein Stückchen hochgerollt. Er trug keine Socken, seine Füsse steckten in hellbraunen, scheinbar handgemachten Lederschuhen. Sein verwaschenes Oberhemd war einmal hellblau gewesen, nun deutete nur noch ein letzter Hauch von Farbigkeit darauf hin. Er hatte eine Plastiktüte dabei, und seine Erscheinung wirkte auf mich genauso wie die Sitzbezüge der All Nippon Airways: Es war, als stelle er bewußt die Perfektion in Frage, als weise er durch seinen Kleidungsstil auf die Vergänglichkeit des Lebens hin. Ich beobachtete ihn lange, denn er schien ein großer Ästhet zu sein, er strahlte Ruhe und Würde aus.“

Krachts Reisebegleiterin erklärte ihm später, das dieser Mann ein japanischer Penner war. Reisen bildet eben. Aber zurück zur TEMPO. Geprägt wurde die Zeitschrift vor allem durch den sogenannten Gonzo-Journalismus, der die Grenze zwischen Beobachter und Beobachtetem verwischt (was uns übrigens auch die Quantenmechanik über die letzte Wirklichkeit lehrt). Dieser journalistische Subjektivismus wurde im wesentlichen vom amerikanischen Autor Hunter S. Thompson „erfunden“, der sich 2005 leider ein Loch in den Schädel schoß. Auf der Trauerfeier wurde seine Asche von Jonny Depp mit Hilfe einer riesigen Kanone in die Luft geballert. Cool!

Die aktuelle Ausgabe der TEMPO macht einen relevanteren, informativeren und mutigeren Eindruck als beispielsweise das Magazin NEON, welches allgemein als das Zentralorgan aller befindlichkeitsfixierten End-Zwanziger gilt. Das TEMPO-Layout findet meine vollste Zustimmung, wobei man die monströsen Anzeigenstrecken ganz entspannt überblättern sollte. Im Heft erfahren wir schockierende Details über Slums in der EU, Redakteur Helge Timmerberg berichtet über seine Backstage-Erlebnisse bei einer „Wetten, daß…?“–Produktion (Titel: „Guten Abend, Arschlöcher!“) und Herbert Grönemeyer unterhält sich mit der Band Tokio Hotel („Herbert, wann hast du dich zum ersten mal schminken lassen?“). Maxim Biller zerstört in seiner Kolumne „100 Zeilen Hass“ die „…neue Selbstliebe der Deutschen“ und am Ende hat sich der Arme dermaßen in Rage geschrieben, das ihn nur noch ein Wegzug aus Deutschland beruhigen kann. Schuld sind unter anderem die WM und Günter Grass. Des Weiteren wird Prolet und Partyschmeisser Michael Ammer belauscht, Profi-Gamer werden vorgestellt, wir erfahren, das Muslime wie alle gesunden Menschen der Onanie frönen, das die nächste Bundeskanzlerin ein Mann wird (nämlich Klaus Wowereit) und das die Einnahme von Drogen in jedem Fall intellektuell unterfüttert werden sollte.
Ausserdem sind über das gesamte Heft „33 Wahrheiten“ verstreut. Wahrheit Nr. 1 lautet: „Wir haben verlernt, mit unserer Geschichte verantwortungsvoll umzugehen“. In diesem Zusammenhang erfand TEMPO die „Deutsche Nationalakademie“ und bot in Person des ebenfalls erfundenen Prof. Dr. Wendelin Däubner 100 Prominenten die Ehrendoktorwürde an. „Durch die Annahme sollten sie (die Prominenten) sich mit Zielen und Grundsätzen einverstanden erklären, die wir wörtlich aus Hitlers „Mein Kampf“ und den NPD-Leitlinien übernommen haben.“

Beispiel: „Es soll ein geistiges Fundament geschaffen werden, um dem Nationalgedanken zu neuer Geltung zu verhelfen.“

14 Prominente freuten sich und stimmten gebauchpinselt zu (darunter Gesichtsattrappenträger Dieter Bohlen, Staranwalt Rolf Bossi, Chorleiter Gotthilf Fischer, Bergsteiger Reinhold Messner, Sänger Udo Jürgens). Andere freuten sich zwar über die Ehre, schlugen die Ehrendoktorwürde jedoch nicht aufgrund des rechten Gedankengutes aus, sondern aus anderen persönlichen Gründen (unter anderem Karstadt-Boss Thomas Middelhoff, Kaiser Franz Beckenbauer und CDU-Politiker Wolfgang Bosbach). Natürlich sind diese Menschen keine Nazis. Der Test zeigt jedoch, wie einfach sich rechtes Gedankengut heutzutage unters Volk bringen läßt. Sollte es eine weitere Ausgabe der TEMPO geben – ich würde sie kaufen. Laut Chefredakteur Markus Peichl soll es aber definitiv bei dieser einmaligen Sondernummer bleiben. Na mal sehen.

Wer an einer umfangreicheren Besprechung interessiert ist, der oder die klicke bitte hier.

„Auf Schloss Bumms klappern die Nüsse“

Eigentlich wollte ich hier nicht jeden Mist verlinken, aber was soll’s: um einigen den tristen Alltag etwas zu versüßen, möchte ich auf eine exquisite Sammlung absurder deutscher Pornofilmtitel hinweisen: hier klicken.

Meine Top 3 (ich habe Stunden überlegt!):

1. „Alarm im Darm“
2. „Spiel mir am Glied bis zum Tod“
3. „Der Schlüpferriecher 3“

„’Kreißen’ bedeutet schreien, stöhnen“

„’Ich scheiß euch hier die dickste Wurst meines Lebens ins Bett’ ist ein nicht selten gehörter Satz, bei dem sich die Frau oft nicht nur auf die Ankündigung beschränkt.“

In meinem Bekanntenkreis gibt es viele liebe Menschen, die sich jetzt oder später Kinder wünschen. Die eigentliche Geburt eines Kindes ist jedoch ein roher und brutaler Akt. Adjektive wie schön oder transzendent sollten in diesem Zusammenhang nur von schrulligen Personen gebraucht werden. Schön ist es später! Aber nicht, wenn sich die Partnerin ihre erhabene Seele aus dem Leib brüllt. Zur Aufklärung (keinesfalls zur Abschreckung!) empfehle ich den folgenden zweiseitigen STERN-Artikel (hier klicken), aus dem auch die oberen zwei Zitate stammen.

Spoiler: gezeigt wird unter anderem eine recht ansehnliche Plazenta

Besuch in der Arbeitsagentur – ein Bericht

Da ich mich beruflich umorientiere und mich noch nicht ganz entschieden habe, an wen ich meine Arbeitskraft als nächstes vermiete, bin ich zur Zeit noch Kunde der Agentur für Arbeit. Man könnte auch sagen: the eagle has not landed yet. Alle Briefe, die ich von der Arbeitsagentur bekomme, beginnen mit “Sehr geehrter Herr Andy!”. Kein Witz! Dies finde ich ziemlich sympathisch und es beweist, das die Agentur mittlerweile bemüht ist, zu ihren Kunden ein doch eher freundschaftliches Verhältnis aufzubauen. Es sollte natürlich nicht so weit gehen, das diese Briefe mit „Ey Alter!“ beginnen, das fände ich etwas burschikos…
Neulich bekam ich wieder einen Brief: „Sehr geehrter Herr Andy, bitte kommen Sie am 7. Dezember in die Agentur für Arbeit.“. Bereitwillig kam ich der Aufforderung nach und fuhr mit der Linie 10 zu meinem Termin. Leider war ich viel zu früh da. Ich setzte mich in den komplett leeren Warteraum, kaute auf meinem Nuß-Nougat-Croissant rum und tat das, was ich am besten kann: warten. Zwischendurch kam ein magersüchtiges Teeniemädchen rein und fragte mich, wo sich Raum 250 befindet. Ich schickte sie weg.

Pünktlich 9.00 Uhr kam meine Beraterin Frau Heinrich (die ich noch nicht kannte) um die Ecke und bat mich in ihr Büro. Frau Heinrich war überaus attraktiv und zuvorkommend. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart sofort pudelwohl. Wir plauderten nett miteinander und ich erfuhr nebenbei, das alle Angestellten der Arbeitsagentur nur mit befristeten 10-Monats-Verträgen unterwegs sind. Nach 3 Minuten war das Gespräch für sie beendet. Etwas irritiert saß ich auf meinem Stuhl und konnte nicht glauben, das alles schon vorbei war. Ich stellte noch ein paar sinnlose Fragen nur um Frau Heinrich noch etwas länger ansehen zu dürfen. Als sie jedoch irgendwann aufstand war klar das ich gehen mußte. Anschließend fuhr ich in die Innenstadt und tätigte Weihnachtseinkäufe. Ich merkte freudig, das man dies sogar tun kann, ohne einen Fuß auf den verdammten Weihnachtsmarkt zu setzen. Erschöpft fuhr ich wieder nach Hause.

Perry, Bully und Gucky

„Perry Rhodan“ ist 45! Aus diesem Anlass erschien auf Stern Online ein Bericht über die weltweit erfolgreichste Heftserie aller Zeiten. Stern-Autor Stephan Maus outet sich nicht gerade als Fan der Serie und versucht mit einiger Penetranz, den U-Boot-Ingenieur und späteren Perry-Erfinder Karl-Herbert Scheer als verkappten Nazi zu dissen. „Handgranaten-Herbert“, wie er angeblich in Fankreisen genannt wird, startete die Serie 1961 zusammen mit Walter Ernsting (alias Clark Darlton) und bis heute ist „Perry Rhodan“ die erfolgreichste Science-Fiction-Serie der Welt.

Ich selbst habe große Teile meiner Jugend und Adoleszenz mit dem Lesen der Serie verbracht. Anstatt mich mit Ketten zu behängen oder die elterliche Bude abzufackeln saß ich ruhig in meinem Zimmer und las „Perry Rhodan“ oder programmierte Assembler. In die Serie eingestiegen bin ich am Ende des Abruse-Zyklus der Erstauflage (1 Zyklus umfaßt immer 50, 100 oder 200 Hefte) und hielt 250 Hefte bis kurz nach dem großen Jubi-Heft Nr. 2000 durch. Was war das spannend! All die Abenteuer mit Perry, dem Arkoniden Atlan, Pockenface Ronald Tekener, den ich mir immer als den Schauspieler Jürgen Prochnow vorstellte, oder Mausbiber Gucky, der die Kunst der Teleportation und Telekinese beherrschte. Nicht zu vergessen Perry’s ältester Kumpel Bully, der, wie alle Hauptfiguren der Serie, durch den von der Superintelligenz ES verliehenen Unsterblichkeitschip sozusagen nicht tot gehen konnte. Als ich anfing zu studieren wurde mir das aber alles zu viel. Jede Woche mussten unzählige Universitätsunterlagen durchgearbeitet werden und ich fand für Perry keine Zeit mehr.

Ich werde mir heute mal ein Heft kaufen, das Hauptexposé liest sich spannend:
„Auf den von Menschen besiedelten Planeten schreibt man das Jahr 1345 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – dies entspricht dem Jahr 4932 alter Zeitrechnung. Die Milchstraße ist von der Terminalen Kolonne TRAITOR besetzt, einer gigantischen Flotte der Chaotarchen. Ihr Ziel ist, aus Welten der Galaxis einzelne „Kabinette“ für einen Chaotender zu formen, eines der machtvollsten Instrumente des Chaos schlechthin: Dieser Chaotender soll einmal VULTAPHER heißen und das Territorium einer entstehenden Negasphäre sichern. Eine Negasphäre wiederum ist eine Brutstätte des Chaos, die normale Lebewesen als absolut lebensfeindlich empfinden.
Mit sogenannten Dunklen Obelisken hat die Terminale Kolonne bereits eine Reihe von Planeten markiert, die zerlegt und zu „Kabinetten“ für VULTAPHER gestaltet werden sollen. Mit Drorah, der Hauptwelt der Akonen, wurde bereits der Anfang gemacht, weitere Welten werden wohl folgen. Eine der Welten, die von der Terminalen Kolonne angesteuert werden, ist Hayok. Die Welt liegt am Rand des Sternenozeans von Jamondi und war in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt Anlass für Streit zwischen den Terranern und den Arkoniden. Nun aber soll sie eine „Ressource“ für TRAITOR werden. Über Hayok weht der ATEM DER FINSTERNIS …“

Wow!

ZANN zerstören Symmetrie

Dinge, die ich gerne tue, sind Gedankenspiele beziehungsweise Gedankenexperimente. Ein besonders reizvolles Gedankenexperiment führte ich vor einem halben Jahr auf einem Konzert der Rockgruppe ZANN durch. ZANN: ein Name wie ein Peitschenhieb, den eine Domina gekonnt auf dem feisten Gesäß eines Unternehmensberaters platziert. Zack… zack… zack… zack… auaa!!!… zack… zack… zack… ahhhhhhh!!… zack… zack… zack… zack… aufhören!! bitte aufhören!… zack… zack… zack… ich sagte aufhören!… zack… zack… zack……. Der Berater wurde nicht mehr lebend gesehen.

ZANN jedenfalls spielen virtuosen Noise-Hardcore und man sollte sich zuerst folgende zwei Clips ansehen um meinen weiteren Ausführungen zu folgen: Clip1 und Clip2 (RealPlayer benötigt). Einige werden jetzt krähen: ähh…das ist ja nur Krach gepaart mit einer ordentlichen Portion Lärm! Na dann geht weg und hört eure Rufus Wainwright und Jack Johnson-Platten. Aber findet ihr nicht auch, das diese Welt eher zum schreien als zum flüstern einlädt? Jedenfalls manchmal? Ich stand also vor ZANN und sah dabei zu, wie die Musiker von vorn herein jegliche Art von Struktur, welche man im Kontext eines Songs vermutet, lustvoll zerstörten. Nun stellte ich mir vor, ZANN würden unvermutet bei Petra Kusch-Lück in der „Musikantenscheune“ auftreten. Direkt nach den Paldauern oder Semino Rossi. Für diesen Moment, der live im MDR-Fernsehen übertragen werden müsste, würde ich ALLES geben: „…und nun, liebe Zuschauer, eine junge vielversprechende Kapelle aus dem schönen Berlin: begrüßen sie zusammen mit mir recht herzlich…ZANN!“

Die Band würde in die Welt wie pure Materie aus der Urknalltheorie des Elementarteilchenphysikers Prof. Dr. Burkhard Heim einbrechen: „…erst beim Erreichen einer kritischen Größe kam es vor ca. 15 bis 40 Mrd. Jahren durch Symmetriebrüche zum plötzlichen Einbruch von Materie in der gesamten Welt (Materie ist inhomogener verdichteter Raum). Von gleichmäßig verteilten generativen Bereichen aus brach dabei die Materie wie ein Silvesterfeuerwerk im gesamten Raum ein.“ Genau so wäre es auch, wenn ZANN auf deiner Hochzeitsfeier spielen würden. Die Oma ist schon leicht beschwippst und hat gerade ein Tänzchen mit Onkel Horst zum Song „Wenn du mich berührst“ der Sängerin Andrea Berg absolviert, als plötzlich ein Vorhang aufgeht und ZANN ihr Stück „Loverfighter“ präsentieren. Oder auf einer Jugendweihe-Zeremonie, nachdem der Bürgermeister seine Rede gehalten hat, oder auf dem jährlichen Treffen der bayrischen Batikmaler, oder auf der Weihnachtsfeier der Firma Perdata, oder…

ZANN zerstören Symmetrie und mit diesem kuscheligen Gedanken im Kopf werde ich jetzt mein Zimmer durchsaugen.

Kafka, ich will KEIN Kind von dir

Als ich vorvorvorgestern Wäsche aufhing und nebenbei die wunderbare Band Blackmail durchs Zimmer dröhnen ließ, kam mir die Idee, doch endlich mal was von Franz Kafka zu lesen. Schon mehrmals hatte ich von ihm gehört, und zwar nur Gutes. Nachdem ich mehrere seiner Kurzgeschichten hinter mich brachte und etwas verwirrt und bräsig in meiner Sitzschnecke saß, nahm ich mir schließlich den Roman „Das Schloß“ zur Hand. Die Idee und die Anfangsstimmung sind super: Landvermesser K. (K wie Ketamin) kommt in ein Dorf um irgendeinen Auftrag zu erfüllen und sieht sich mit einer düsteren, willkürlich bürokratischen Hölle konfrontiert. Nun hatte ich eigentlich sowas wie in dem einen Asterix-Film erwartet, wo Asterix und Obelix von einem Beamten zum nächsten geschickt werden, nur eben besser gemacht. Aber nichts da – Landvermesser und späterer Schuldiener K. (K wie Katze) sülzt sich im Dialog mit Frieda, Pepi, Olga und einer fetten Wirtin durchs Unterholz, ohne das es wirklich mal zu einem Kontakt mit dem mächtigen und ominösen Klamm (Klamm wie K) kommt. Selbst als von mir vermuteter Endgegner war Klamm nicht zu gebrauchen. Entweder ist mir bei diesem Buch etwas ganz Entscheidendes entgangen oder Kafka hatte sich von seinem ersten Blutsturz noch nicht richtig erholt. Ich zog es mir trotzdem bis zum Schluss rein, denn vor Weltliteratur soll man nicht kuschen! Trotz allem habe ich das Gefühl, das dieses Buch irgend etwas gemacht hat, mit mir, mit meinem Kopf, mit meinen Empfindungen. Irgendwas war anders nach dem Buch. Ich komme nur nicht drauf. Sicher ist nur, das dies von K. (K wie komisch) verursacht wurde.